Süddeutsche Zeitung

Konzernumbau:Siemens wandelt sich vom trägen Tanker zur Schnellboot-Flotte

  • Bei Siemens sollen in den kommenden Jahren insgesamt 6900 Stellen wegfallen, die Hälfte davon in Deutschland.
  • Die Streichungen sind Teil des Zukunftsplans von Joe Kaeser. Er will das Unternehmen grundlegend neu aufstellen.
  • Viele Mitarbeiter stellen sich mittlerweile jedoch die Frage, was in Zukunft überhaupt noch vom Siemens-Konzern übrig bleiben wird.

Von Caspar Busse und Thomas Fromm

Bei Siemens weiß man genau, was das alles für den Konzern bedeutet: 6900 Jobs streichen, davon die Hälfte in Deutschland, zwei Werke in Görlitz und Leipzig dichtmachen, das in Erfurt vielleicht verkaufen, einen Standort- und Beschäftigungspakt zerlegen, von dem die Arbeitnehmer seit Jahren glauben, dass er sie schützt - und das in Zeiten, in denen man Milliardengewinne macht.

Und man bereitet sich gerade auf das Schlimmste vor. "Wir werden dann eine Diskussion über kreative Wege des Widerstands beginnen müssen", kündigt Siemens-Aufsichtsrat Jürgen Kerner von der IG Metall an. Widerstand - das ist eines dieser Worte, das man in der deutschen Industrie so schon länger nicht mehr gehört hat. Und es sieht so aus, als würden die Arbeitnehmer es diesmal sehr ernst meinen. Es ist eine Warnung, die sitzt: Mehrarbeit und Sonderschichten in Zeiten von Stellenabbau und Werksschließungen? Wir, die Arbeitnehmervertreter, können auch anders.

Es war die Personalchefin des Konzerns, Janina Kugel, die die schlechte Botschaft am Donnerstag überbrachte und die Betriebsräte im Wirtschaftsausschuss über die Details der anstehenden Kürzungen informierte. "Defizitäre Geschäfte dauerhaft zu subventionieren wäre verantwortungslos", hatte sie schon vorher gesagt, so wusste jeder, was da kommen würde. 2 600 der 16 000 noch in Deutschland vorhandenen Jobs in der Kraftwerkssparte sollen weg, zumindest zwei Werke werden aufgegeben. "Es war eine sehr angespannte Stimmung und sehr bedrückt", berichtete Kugel nach der Sitzung. Schon vorab gab es verzweifelte Erklärungen zu einer Branche, die sich seit Jahren verändert - oder besser: allmählich auflöst.

Die Erklärungen gehen so: Großkraftwerke sind überall, vor allem aber in Deutschland und Europa, ein Auslaufmodell. Wozu riesige Gasturbinen kaufen in Zeiten der Energiewende? Die Preise für diese Turbinen sind im Keller. Siemens spricht von einem Umbruch, so schnell und umfassend, wie er "noch nie dagewesen ist". Wer versucht, gegen den Trend zu produzieren, der verliert Geld.

Schon in den vergangenen Jahren wurden in dem Bereich Stellen gestrichen, und in der vergangenen Woche, es war bei der Jahrespressekonferenz des Konzerns in München, sprach Konzernchef Joe Kaeser von neuen "schmerzhaften Einschnitten". Wenn das Ganze überhaupt noch eine Zukunft haben solle, dann müsse man jetzt handeln. Aber hat das Geschäft überhaupt eine Zukunft? Oder ist dies schon der Beginn einer historischen Abwicklung?

Die Unsicherheit an den Standorten wächst weiter

Vielleicht wäre alles nicht ganz so schlimm, wenn dieser 170 Jahre alte Konzern nicht gerade an allen Ecken und Enden umgebaut würde. Denn auch in anderen Geschäftsfeldern werden Jobs gestrichen: in der Prozessindustrie, wo Siemens industrielle Verfahren verbessert, und bei den Antrieben, wo nun 760 Stellen in Deutschland abgebaut werden sollen, der Großteil im Dynamowerk in Berlin. Das wichtige Medizintechnikgeschäft soll im nächsten Jahr an die Börse gebracht werden, das Geschäft mit Windkraftanlagen wurde gerade mit der spanischen Gamesa fusioniert, 6000 Jobs sollen hier wegfallen. Das Geschäft mit Zügen wird mit dem französischen Wettbewerber Alstom zusammengelegt, noch ist nicht ausgemacht, was dies langfristig für die Jobs an deutschen Standorten bedeutet.

Je länger die Liste wird, die der Konzernchef aufsetzt, desto größer wird die Unsicherheit an den Standorten. Denn längst geht es nicht mehr um die Frage, wann wo wie viele Stellen eingespart werden. Es geht darum: Was ist Siemens heute, was wird von diesem Konzern in den kommenden Jahren übrig bleiben?

Was wird vom Siemens-Konzern übrig bleiben?

Man muss sich in die Welt des Joe Kaeser versetzen, um darauf eine Antwort zu finden. Kaeser ist 60 Jahre alt und arbeitet seit fast 40 Jahren bei Siemens. Er ist einer, der die Geschichte des Konzerns kennt wie kaum ein anderer. Und doch ist er dabei, alles, was er mit aufgebaut hat, einzureißen. Und er hat das warnende Bild des US-Konkurrenten General Electric (GE) vor Augen, der gerade in einer tiefen Krise ist und große Einschnitte vornehmen muss.

Siemens, ein Konzern-Koloss, der von Kraftwerken über Ultraschallgeräte und Computertomografen bis zu digitalen Fabriklösungen alles macht, ist groß, vielleicht zu groß - so wie GE. Kaeser stammt aus einer Zeit, in der Siemens noch Handys produzierte und eine Lichttochter namens Osram besaß. Kaeser hat erlebt, wie die Handysparte nach Asien verkauft und das ertragsschwache Telekommunikations-Netzwerkgeschäft mit einem Teil des finnischen Nokia-Konzerns zusammengelegt wurde. So ging es jahrelang: Alte Geschäfte wurden gekappt, neue aufgebaut. Jedes Mal wurde das Trauma für die Siemensianer größer. Und jetzt trifft es auch noch das einstige Kerngeschäft, die Energietechnik. Ein Autobauer wie BMW baut immer Autos - aber wofür steht Siemens in Zukunft?

Kaeser hat längst andere Fragen: Wie schafft es dieser Tanker Siemens in die Zukunft? Seine Antwort: Nicht Größe ist entscheidend, nicht die Zahl der Geschäftsbereiche. Er will ein neues Unternehmen schaffen - mit einem harten Kern und vielen flexiblen Geschäftseinheiten. Ob die in Gemeinschaftsfirmen mit Franzosen oder Spaniern arbeiten oder an der Börse notiert sind - egal, solange sie "fokussierte Spezialisten" seien. Der alte schwerfällige Tanker Siemens soll weg, gefragt sind viele kleine Schnellboote, "die sich am besten an die sich rapide verändernden Umgebungsbedingungen anpassen", fordert er.

In der Theorie klingt das zumindest interessant. In der Praxis ist das eine riskante Versuchsanordnung. Viele Mitarbeiter wissen, dass sie vielleicht keinen Platz auf einem der Schnellboote bekommen. Vor einigen Tagen lobte Kaeser, dass Siemens heute zu den zehn größten Software-Firmen der Welt zähle. 23 000 Software-Ingenieure habe man im Haus. Das Problem ist nur: Siemens hat insgesamt an die 350 000 Mitarbeiter - noch.

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Quelle:
SZ vom 17.11.2017/vit
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