Konjunktur Der Mindestlohn hilft dem ganzen Land

Vom Mindestlohn profitieren nicht nur oft schlecht bezahlte Arbeitnehmer wie Frisöre, sondern auch Menschen in den Lohngruppen darüber.

(Foto: dpa-tmn)
  • Der Mindestlohn ist nach einer aktuellen Untersuchung gut für Jobs und Konjunktur, weil er den Konsum ankurbelt.
  • Davon, dass die Lohnuntergrenze Arbeitsplätze gefährdet, könne dagegen keine Rede sein, hat nach anderen Forschern nun auch das gewerkschaftsnahe IMK-Institut festgestellt.
Von Alexander Hagelüken

Der staatliche Mindestlohn hilft nicht nur Arbeitnehmern, die vorher Stundenlöhne von nur ein paar Euro erhielten. Er hilft durch einen Anstieg des Konsums der ganzen Volkswirtschaft. Das zeigen Berechnungen des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), die der SZ vorliegen. Die wirtschaftliche Leistung fällt demnach über Jahre um bis zu 0,5 Prozent höher aus.

Die unabhängige Kommission zum Mindestlohn empfahl gerade, die gesetzliche Lohnuntergrenze bis 2020 von heute 8,84 auf 9,35 Euro pro Stunde anzuheben. Die Regierung unterstützt das. Den Mindestlohn gibt es seit 2015. Immer wieder hatten Wirtschaftsverbände und Ökonomen gewarnt, das staatliche Eingreifen in den Arbeitsmarkt könne massenhaft Arbeitsplätze vernichten.

Dass davon keine Rede sein kann, stellt nach anderen Forschern nun auch das gewerkschaftsnahe IMK-Institut fest. Die wirtschaftlichen Effekte fallen demnach auch deshalb so positiv aus, weil die Beschäftigung weitgehend stabil bleibe. Zwar fielen Minijobs weg. Diese würden aber zu einem großen Teil in regulär sozialversicherte Arbeitsplätze umgewandelt.

Das Plus beim Konsum hat einen großen Wert

Anfängliche Vorbehalte gegen den Mindestlohn haben sich als unbegründet erwiesen, betont auch Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD), die Lohnuntergrenze habe sich nicht zum Job-Killer entwickelt: "Der Mindestlohn nützt vielen Menschen und schadet niemandem in Deutschland." Heil zählt auf, wer vor allem profitiert: Frauen, Ostdeutsche sowie Arbeitnehmer ohne berufliche Bildung. Wer vorher weniger verdiente, für den bedeutet die Untergrenze eine deutliche Lohnerhöhung: im Schnitt um fast 20 Prozent. Laut IMK steigen aber auch die Löhne etwas oberhalb des Mindestlohns. Und weil Beschäftigte mit vergleichsweise niedrigem Gehalt einen größeren Teil ihres Verdiensts für den Konsum ausgeben als Gutverdiener, wirken sich die Lohnsteigerungen stark aus: Sie erhöhen den Konsum um 0,5 bis 0,7 Prozent - und kurbeln so das Wachstum an.

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Die Wissenschaftler rechnen für einen Zeitraum von zehn Jahren aus: Mit Mindestlohn liegt die Wirtschaftsleistung konstant um 0,25 Prozent höher als ohne. Der Staat nimmt entsprechend durch Steuern mehr ein. Gibt er dieses Geld für zusätzliche Ausgaben wieder aus, wie es seit 2015 der Fall war, ist der Effekt des Mindestlohns sogar noch größer. Dann liegt das Bruttoinlandsprodukt konstant um gut ein halbes Prozent höher.

Welchen Wert hat das für die Volkswirtschaft? Mehrere Forschungsinstitute korrigierten gerade ihre Prognose für das deutsche Wachstum 2018 um 0,5 Prozent nach unten, auf weniger als zwei Prozent. Hauptgrund für den Pessimismus ist der von den USA entfachte globale Handelskonflikt mit Strafzöllen unter anderem gegen Europa und China. In international bewegten Zeiten ist ein halbes Prozent mehr Bruttoinlandsprodukt durch den Mindestlohn also durchaus viel wert. Es ist sozusagen ein Puffer gegen Trump.

Die IMK-Forscher üben aber auch Kritik: Die Löhne in der Bundesrepublik hätten länger nicht den Verteilungsspielraum ausgeschöpft, der sich aus der Zunahme der Produktivität und der Zielinflationsrate der Europäischen Zentralbank ergebe. Grund sei etwa die Abnahme gewerkschaftlich ausgehandelter Tarifverträge. Der Mindestlohn verhindere nun, dass die Löhne nach unten ausfransten. "Er trägt dazu bei, dass Deutschland auf einen stabileren Wachstumskurs einschwenkt, der nicht nur auf Exporterfolgen, sondern auch auf der Binnennachfrage beruht."

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