Kauf riskanter Wertpapiere Draghis gefährliche Notbremsung

EZB-Präsident Mario Draghi will im großen Stil Wertpapiere kaufen - auch zweifelhafte.

(Foto: REUTERS)

Als wäre die Finanzkrise längst vergessen: Ausgerechnet die EZB will obskure Wertpapiere wieder hoffähig machen und dafür eine halbe Billion Euro ausgeben. Das ist ein Treppenwitz der Geschichte.

Kommentar von Ulrich Schäfer

Das Antiblockiersystem heißt so, weil es verhindern soll, dass die Räder eines Autos beim Bremsen blockieren und der Wagen deshalb ins Schleudern gerät. Das Antiblockiersystem - kurz ABS - ist eine sinnvolle Erfindung, weil es Schlimmeres verhindert: einen Crash, einen Totalschaden, auch Verletzte und Tote.

Die drei Buchstaben ABS stehen aber auch für eine andere, höchst zweifelhafte Erfindung, die nicht kluge Autoingenieure ersonnen haben, sondern neunmalkluge Investmentbanker. ABS: So hieß auch ein Teil jener Kreditpakete, die vor sieben, acht Jahren von Banken und Fonds geschaffen und zuhauf um den Globus verschoben wurden. Und die schließlich mit dazu beigetragen haben, dass die Finanzmärkte kollabierten, weil am Ende niemand mehr wusste, wer eigentlich wem wie viel Geld geliehen hatte und wer dabei welches Risiko eingegangen war.

Treppenwitz der Finanzkrisengeschichte

Es mutet wie ein Treppenwitz der Finanzkrisengeschichte an, dass nun ausgerechnet die Europäische Zentralbank diese Papiere wieder hoffähig machen will. Ihr Präsident Mario Draghi hat angekündigt, dass die Notenbank in großem Stil solche und andere Wertpapiere aufkaufen will und dafür bis zu eine halbe Billion Euro ausgeben wird - also 500 000 000 000 Euro.

Die EZB will auf diese Weise den Banken Kredite abnehmen, die diese zuvor vergeben haben - und ihnen dadurch den notwendigen Freiraum verschaffen, damit sie weitere Kredite ausreichen können. Das soll vor allem den Krisenstaaten in Europa nützen und dazu führen, dass die dortigen Banken mehr Kredite an kleine und mittlere Unternehmen vergeben.

Nun ist es zunächst einmal nicht ungewöhnlich, dass eine Notenbank mit Wertpapieren hantiert. Wenn die Geschäftsbanken sich bei der EZB Geld beschaffen wollen, dann müssen sie im Gegenzug auch jetzt schon Sicherheiten hinterlegen - meist Wertpapiere bester Bonität. Etwas anderes ist es jedoch, wenn die Europäische Zentralbank nun auch Papiere zweifelhafter Qualität annimmt.

Und wenn sie sich dabei in einen Markt begibt, in dem eine seriöse Notenbank nichts, aber auch gar nichts zu suchen hat: jenen für verbriefte Kreditrisiken - und damit auf das Feld jener obskuren Wertpapiere, die mit hinein in die Krise geführt haben.

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Mario Draghi beteuert zwar seit Monaten, dass die EZB genau hinschauen werde, welche ABS-Papiere sie aufkauft. Gewiss ist nicht jedes Kreditpaket, mit dem an den Finanzmärkten gehandelt wird, ein Zockerpapier. Und doch betreibt die EZB ein gefährliches Spiel mit dem Feuer. Es zeigt, in welch großer Not sich die Notenbank derzeit befindet - denn nichts, was sie bisher gegen die Krise getan hat, hilft wirklich. Nicht einmal die Leitzinsen kann sie weiter senken. Die Reduktion von 0,15 auf 0,05 Prozent hat nur rein symbolische Funktion.

Ja, Not macht erfinderisch. Aber nein, nicht alle Erfindungen sind sinnvoll. Manche sind, wie die ABS-Notbremsung von Mario Draghi, auch hochgefährlich.