Insolvenz von Air Berlin Warum Flüge künftig teurer werden dürften

Lufthansa überall: Bei vielen Zielen haben die Fluggäste künftig keine Alternative mehr.

(Foto: Patrick Pleul/dpa)
  • Der Lufthansa-Konzern könnte mit Air Berlin (inklusive Niki) auf touristisch geprägten Strecken etwa am Flughafen München auf einen Marktanteil von 57 Prozent kommen.
  • Sollte Lufthansa den Zuschlag für den gesamten Rest von Air Berlin erhalten, läge ihr Marktanteil im innerdeutschen Flugverkehr bei 98 Prozent.
Von Jens Flottau, Frankfurt

Für deutsche Touristen dürfte die Auswahl einer Fluggesellschaft künftig einfacher werden - und der Urlaub insgesamt teurer. Denn sollte die Lufthansa bei der Aufteilung von Air Berlin ihren Willen bekommen, würde die Airline gemeinsam mit der Tochter Eurowings an wichtigen deutschen Flughäfen große Teile des Marktes zu europäischen Ferienzielen beherrschen.

Dies geht aus Zahlen der International Air Transport Association (IATA) hervor. Die Dominanz träfe vor allem die Verbraucher, da eine übermächtige Fluggesellschaft höhere Preise durchsetzen könnte.

Auch für andere deutsche Fluggesellschaften, die wie Germania, Tuifly und Condor Ferienziele anbieten, würde sich die Lage verschärfen. Der Deutsche Reiseverband (DRV) ist daher besorgt und fordert, den Wettbewerb zu erhalten.

Die Zahlen spielen im Insolvenzverfahren von Air Berlin eine Rolle, da sie auch dem Generalbevollmächtigten Frank Kebekus zugespielt wurden. Kebekus muss, wenn er Teile von Air Berlin verkauft, nicht nur auf die Interessen der Gläubiger und Mitarbeiter achten, sondern auch auf die Erfolgschancen seines Vorhabens. Angesichts der hohen Marktanteile müssen das Bundeskartellamt und voraussichtlich auch die Europäische Kommission die Auswirkungen auf den Wettbewerb prüfen.

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Nun gibt es auch Gespräche mit dem Unternehmer Hans Rudolf Wöhrl

Den IATA-Zahlen zufolge kommt der Lufthansa-Konzern (inklusive Eurowings) mit Air Berlin (inklusive Niki) auf touristisch geprägten Strecken am Flughafen München auf einen Marktanteil von 57 Prozent. Lufthansa und Eurowings alleine vereinnahmen 44 Prozent. Die Zahlen basieren auf dem Sommerflugplan 2017. In Düsseldorf würden Lufthansa und Air Berlin nach einer Übernahme 63 Prozent des Ferienflug-Angebots kontrollieren. In Berlin wären es 42 Prozent. Besonders krass wären die Unterschiede in Wien, wo Lufthansa und Air Berlin zusammen 94 Prozent der Ferienflüge anbieten würden. Schon ohne die Airlines der Air-Berlin-Gruppe kontrolliert dort der Lufthansa-Konzern 69 Prozent der touristischen Sitze.

Sollte Lufthansa den Zuschlag für den gesamten Rest von Air Berlin bekommen, würde sie im innerdeutschen Flugverkehr auf einen Marktanteil von 98 Prozent kommen. Dies geht aus einer Studie von Bank of America Merrill Lynch hervor. Diese Zahlen lassen nur einen Schluss zu: Wettbewerb fände kaum mehr statt, günstige Preise wären nicht zu erwarten. Sparsame Kunden müssten wohl auf andere Verkehrsmittel umsteigen.

Betrachtet man alle Ziele, würden Lufthansa und Air Berlin 76 Prozent der Sitze in Berlin-Tegel anbieten, 67 Prozent in Düsseldorf, 65 Prozent in München und 56 Prozent in Hamburg. All diese Marktanteile liegen weit jenseits der kartellrechtlich relevanten Schwelle von 40 Prozent. Von diesem Wert an müssen die Wettbewerbsbehörden anstehende Übernahmen überprüfen.

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Auflagen für die Lufthansa sind wahrscheinlich

Ob Lufthansa mit Eurowings den deutschen Ferienflugmarkt derart beherrschen wird, ist also ungewiss, denn die Aussicht auf eine so starke Marktposition wird die Wettbewerbsbehörden auf den Plan rufen, die sehr wahrscheinlich Auflagen verhängen würden. Und mit Easyjet steht dem Vernehmen nach eine weitere Airline bereit, auf innerdeutschen Rennstrecken einzusteigen - mit guten Chancen.

Auch die Fluggesellschaft Condor will Teile von Air Berlin übernehmen. Ryanair und der Unternehmer Hans Rudolf Wöhrl wiederum sprechen öffentlich davon, die insolvente Airline womöglich sogar als Ganzes zu übernehmen. Wöhrls Firma Intro wurde nun zu ersten Gesprächen nach Berlin eingeladen. Er hatte das Verfahren bisher scharf kritisiert, nun spricht der Unternehmer von einer "erfreulichen Trendwende."

Lufthansa hat am Mittwoch ein erstes Angebot für die Air-Berlin-Tochter Niki abgegeben und dabei angeblich einen niedrigen dreistelligen Millionenbetrag in Aussicht gestellt. Eurowings wird aber durch die Air-Berlin-Pleite wohl in jedem Fall deutlich gestärkt, selbst wenn Lufthansa bei Niki noch einen Rückzieher machen würde. Sie müsste nur mit den Leasingunternehmen, denen die Air-Berlin-Flugzeuge gehören, direkt neue Verträge verhandeln, die in Kraft treten, sobald Air Berlin den Flugbetrieb einstellt.

Die Start- und Landezeiten (Slots) an Flughäfen wie Düsseldorf oder Berlin-Tegel werden dann zwar an den Flughafenkoordinator der Bundesrepublik zurückfallen. Doch aus dem Slot-Pool würden Lufthansa und Eurowings als große Bestandskunden einen Teil wieder zurückholen. Der große Vorteil aus Konzernsicht: Weil es sich dann formal um eigenes Wachstum und nicht um eine Übernahme handelt, wären wettbewerbsrechtliche Auflagen wesentlich schwieriger durchzusetzen.

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