Griechenland und die Währungsunion Kompletter Bankrott oder noch mehr Euro-Hilfen

Entweder Euro oder Drachme, entweder weiter mit dem Spar- und Reformkurs - oder Athens Pleite. Bei den anstehenden Wahlen wird klar werden, ob Griechenland in der Euro-Zone bleibt oder nicht. Zwei Szenarien, was dann passieren könnte.

Von Alexander Hagelüken und Catherine Hoffmann

Europa fiebert den griechischen Neuwahlen an diesem Sonntag entgegen. Werden die Griechen wie bei den ersten Wahlen Anfang Mai keine Regierung an die Macht wählen, die den Spar- und Reformkurs fortsetzt? Siegt gar Linksaußen Alexis Tsipras, der explizit die Zusagen an die Euro-Partner brechen will? Für diesen Fall drohen die Partner, den Geldhahn zuzudrehen - was unweigerlich Athens Pleite und Abgang aus dem Euro auslösen würde. Aber: Wäre das nicht vielleicht sogar das Beste für Deutschland und andere Zahlerländer? Die SZ untersucht beide Szenarien: Griechenland bleibt im Euro oder fliegt raus.

Wandgemälde in Athen: Nur ein kleiner Teil der Griechen ist offenbar bereit, alle Reformen für einen Verbleib in der Euro-Zone zu unterstützen.

(Foto: AFP)

Szenario 1: Athen mit Euro

Die Griechen bleiben im Euro, und damit ist eines unangenehm klar: In diesem Fall brauchen sie von den Partnerländern noch mehr Geld - zusätzlich zu den 240 Milliarden Euro aus den ersten beiden Hilfspaketen. Am Kapitalmarkt bekommt das Land, das vor gut zwei Jahren die stetig expandierende Euro-Krise auslöste, keinen Kredit mehr. Und es ist unwahrscheinlich, dass Investoren wie geplant von 2015 an wieder massiv griechische Anleihen kaufen. Schon weil der erzwungene Schuldenerlass privater Banken und Anleger von 100 Milliarden Euro dieses Frühjahr nachhaltig abschreckt - erstmals seit 1945 zahlt ein westliches Industrieland seine Gläubiger nicht aus. Staatspapiere gelten daher als unsicher.

Europas Steuerzahlern muss also klar sein, dass sie Griechenland noch ein paar Jahre finanzieren. Ein drittes Hilfspaket im zweistelligen Milliardenbereich kommt, es wurde seit langem hinter den Kulissen geplant. Selbst ein teilweise Schuldenerlass staatlicher Gläubiger wie Deutschland könnte nötig sein, weil Athen Verbindlichkeiten von 160 Prozent des Bruttoinlandsprodukts drücken.

Trotz dieser Risiken gilt: All die Hilfskredite fließen an Europas Steuerzahler zurück, denn Griechenland erholt sich langfristig. Das ist die positive Perspektive, die den Euro-Verbleib des Landes weit verlockender erscheinen lässt als das Chaos eines Austritts. Die entscheidende Frage beim Szenario "Athen bleibt drin" ist: Modernisiert das Land seine Wirtschaft, um aus dem Wachstum später die Hilfskredite zurückzahlen zu können? Die Antwort: Es gibt erste Erfolge. Es bleibt noch sehr viel zu tun, und die Griechen wissen das. Ja, Athen spart seit 2010, stärker als seit langem ein EU-Mitglied. Und ja, die Löhne schrumpften so stark, dass Griechenland etwa die Hälfte dessen an Wettbewerbsfähigkeit gegenüber den EU-Rivalen aufholte, was es wegen überzogener Lohnzuwächse im Jahrzehnt zuvor verlor.

Andere Vorhaben aber stocken noch. Das Land hat weiter zu viele Beamte, der Verkauf von Staatseigentum hat wenig erlöst. Steuern zahlen ist nicht die Regel. Exportprodukte fehlen und Berufe wie Anwälte oder Apotheker bleiben für Jobsucher abgeschottet: Wer eine Taxifirma starten will, muss einem Lizenzbesitzer 100.000 Euro in die Hand drücken. Die erneute Euro-Rettung setzt neue Kräfte frei.

Jetzt geht es gegen Politiker und Beamte, die Nutznießer des alten Systems, die vieles blockiert haben - weshalb das Land eine starke Regierung braucht, um längst beschlossene Reformen durchzusetzen. Das klare Signal, Athen behält den Euro, bedeutet, dass Sparen und die ineffiziente Wirtschaftsstruktur das Bruttoinlandsprodukt künftig nicht mehr so stark schrumpfen lässt (2012 um weitere fünf Prozent), dass die Arbeitslosigkeit von 25 Prozent sinkt und die Griechen nicht mehr Milliarden Euro von ihren Sparkonten abziehen und so ihre Banken gefährden. Mit der Wahl verbindet sich Hoffnung: Dass die Euro-Partner einer reformwilligen Regierung mehr Zeit gibt und damit den Griechen Ansporn.

Drinzubleiben in der Euro-Zone bietet am Ende - nach all den Vorarbeiten - mehr Chancen als ein Ende mit Ärger.