Geldpolitik Was die Notenbanker bewirkt haben

Die Europäische Zentralbank (EZB) reduziert von 2018 an ihren Ankauf von Staats- und Unternehmensanleihen.

(Foto: dpa)

Nullzins, Strafzins, Anleihenkäufe: Eine Übersicht über die wichtigsten Nothilfen der Europäischen Zentralbank seit dem Jahr 2008.

Von Markus Zydra, Frankfurt

Die EZB hat ihre Geldpolitik in den vergangenen zehn Jahren immer weiter gelockert. Sie experimentierte, verwarf und ersann Neues. Hier ein Überblick über die wichtigsten Maßnahmen.

Senken

Die Euro-Zone stürzte durch die Finanzkrise in eine Rezession. Mit der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers begann die Notenbank den Preis für Geld sukzessive abzusenken. Im Jahr 2008 lag der Leitzins der EZB noch bei 4,25 Prozent, ein Jahr später betrug er nur noch ein Prozent (siehe Grafik). EZB-Präsident Mario Draghi senkte den Leitzins im März 2016 sogar auf null. Fortan gab es Geld praktisch umsonst. Das hatte es noch nie gegeben.

Die EZB hatte 2014 einen Strafzins eingeführt auf Guthaben, die Institute auf ihrem EZB-Konto parken. So sollten die Banken dazu bewegt werden, ihr Geld an Unternehmen zu verleihen, um die Wirtschaft anzukurbeln. Der Negativzins ist von damals minus 0,1 Prozent in kleinen Schritten bis auf aktuell minus 0,4 Prozent erhöht worden. Die Veränderung des Leitzinses gilt als klassisches geldpolitisches Instrument. Wenn die Wirtschaft zu heiß läuft, erhöhen die Währungshüter den Zins, wenn die Wirtschaft abkühlt, senken sie ihn. Orientierung für die Entscheidung gibt die Inflationsrate. Die EZB möchte die Teuerung nahe zwei Prozent halten. Aktuell liegt die Inflationsrate bei 1,5 Prozent.

Kaufen

Im Januar 2015 beschloss die EZB das größte Anleihenkaufprogramm ihrer Geschichte. Die Notenbank wollte eine Deflation verhindern. Dauerhaft sinkende Preise können gefährlich werden und die Wirtschaft in eine Rezession stürzen. Die Notenbank kaufte fortan jeden Monat für 60 Milliarden Euro Schuldscheine aus der Euro-Zone, zunächst Staatsanleihen, später erstmals auch Unternehmensanleihen. Dieses Programm läuft noch bis zum Jahresende. Bis dahin wird die EZB Wertpapiere im Wert von 2,2 Billionen Euro gekauft haben. Die gesamte Bilanzsumme der EZB beträgt 4,4 Billionen Euro. Zum Vergleich: 2012, dem Höhepunkt der Finanzkrise, waren es drei Billionen. Die EZB verfolgt jetzt, da Europas Wirtschaft wächst, eine lockerere Geldpolitik als zum Höhepunkt der Krise.

Im Jahr 2010 hatte die EZB ihr erstes Anleihenkaufprogramm gestartet (SMP-Programm). Damals wetteten Spekulanten auf die Pleite einzelner Euro-Staaten und den Zusammenbruch der Euro-Zone. Die Kreditzinsen für einzelne Regierungen stiegen so hoch, dass die langfristige Refinanzierung der Haushalte gefährdet schien. Die Notenbank kaufte daher Staatsanleihen von finanzschwachen Staaten wie Griechenland, Italien, Portugal und Irland. Diese Maßnahme war sehr umstritten, weil die EZB dadurch einzelne Staaten stützte. Das Programm wurde 2012 beendet. Die EZB hatte bis dahin Anleihen im Wert von 210 Milliarden Euro gekauft.

Geben

Der europäische Bankensektor war ab 2008 von großem Misstrauen geprägt. Das eine Institut lieh dem anderen kein Geld mehr, weil es fürchten musste, es könne Pleite gehen und den Kredit nicht zurückbezahlen. Daher beschloss die EZB Ende 2011 langfristige Notkredite für die Institute. Die Banken konnten sich erstmals über eine Laufzeit von drei Jahren bei der EZB Geld leihen. Das Kreditprogramm hatte ein Volumen von 1,1 Billionen Euro. Das offiziell unter dem Kürzel LTRO firmierende Programm trug in Anspielung auf ein deutsches Geschütz aus dem Ersten Weltkrieg den Spitznamen "Dicke Bertha". Die Banken, so ein Hintergedanke, sollten das günstige Zentralbankgeld auch dazu verwenden, Staatsanleihen aufzukaufen. Die warfen damals hohe Renditen ab. Die EZB-Maßnahme schlug zwei Fliegen mit einer Klappe: Die angeschlagenen Banken verdienten gutes Geld, die Euro-Staaten bekamen ihre Haushaltsdefizite finanziert.

Ab März 2016 gab die EZB den Banken sogar Kredite über vier Jahre - zum Leitzins von null Prozent (Kürzel für das Programm: TLTRO). Ein Novum: Wenn die Institute belegen können, dass sie das Geld vorrangig als Kredit an Unternehmen vergeben, erhalten sie von der EZB sogar noch eine Prämie. Die Notenbank subventioniert damit Investitionen in die Wirtschaft.

Absichern

Die EZB hat im Laufe der Finanzkrise immer häufiger den Retter in der Not gegeben. Im Frühjahr 2012 spitzte sich die Lage dramatisch zu. Der Euro-Zone drohte der Kollaps, weil Spekulanten an den Finanzmärkten auf die Pleite einzelner Mitgliedsstaaten wetteten.

Die Zinsen für finanzschwache Länder wie Italien, Spanien und Portugal stiegen immer schneller. Man fürchtete Staatspleiten. EZB-Präsident Mario Draghi versprach im Juli 2012 in seiner Londoner Rede, die Notenbank werde alles tun, um den Euro zu retten. Dieses Versprechen goss der EZB-Rat unter großem Protest aus Deutschland im September 2012 in das sogenannte OMT-Programm. Im Ernstfall will die EZB Staatsanleihen der Euro-Mitglieder kaufen, um einen Kollaps der Währungsunion zu verhindern. Es kam bisher nie zum Einsatz und fungiert als Schutzschild.

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