Gehälter in Deutschland Mehr als sechs Millionen Deutsche bekommen Niedriglohn

Jeder fünfte Arbeitnehmer in Deutschland ist betroffen: Immer mehr Menschen müssen sich mit einem Lohn von weniger als zehn Euro brutto die Stunde abgeben. Das besagen aktuelle Zahlen des Statistischen Bundesamtes. Der Präsident der Behörde warnt: "Niedriglohn heute bedeutet niedrige Rente morgen."

Von Thomas Öchsner

Immer mehr Arbeitnehmer in Deutschland erhalten nur einen Niedriglohn von weniger als 10,36 Euro brutto die Stunde. Im Jahr 2010 traf dies auf jeden fünften Beschäftigten in einem Betrieb mit zehn oder mehr Mitarbeitern zu. Der Anteil der Niedriglohnbezieher ist damit von 18,7 Prozent im Jahr 2006 auf 20,6 Prozent gestiegen. Dies gab das Statistische Bundesamt in Berlin bekannt. "Mit dieser Steigerung setzte sich ein längerfristiger Trend fort", sagte der Präsident der Behörde, Roderich Egeler. Zu ähnlichen Ergebnissen waren bereits gewerkschaftsnahe Wirtschaftsforschungsinstitute gekommen. Nun sind sie amtlich bestätigt.

Nach Angaben des Bundesamts waren 2010 von den 30,9 Millionen Arbeitnehmern etwa jeder Vierte oder 7,8 Millionen atypisch beschäftigt. Sie haben eine Teilzeitstelle mit bis zu 20 Wochenstunden, einen Minijob, einen befristeten Arbeitsvertrag oder sind bei einer Zeitarbeitsfirma angestellt. Fast jeder Zweite von ihnen bekommt einen Niedriglohn. Besonders ausgeprägt ist dies bei Minijobbern, von denen 84,3 Prozent einen Niedriglohn erhalten. Sie verdienen mit 8,19 Euro die Stunde nur knapp halb so viel wie ein Normalarbeitnehmer mit einem durchschnittlichen Stundenlohn von etwa 17 Euro.

Maßgeblich für das Einkommen ist die Branche: Besonders hoch ist der Anteil der Niedriglöhner bei den angestellten Taxifahrern (87 Prozent), knapp gefolgt von Friseurinnen und Reinigungskräften. In Restaurants, Kinos, Wäschereien liegt die Quote noch bei über 70 Prozent, im Einzelhandel, in Callcentern und bei Leiharbeitern bei mehr als 60 Prozent. Hat sich der Arbeitgeber nicht an einen Tarifvertrag gebunden, erhält fast ein Drittel der Beschäftigten einen Niedriglohn. Bei tariftreuen Unternehmen gilt dies nur für jeden achten Mitarbeiter. Außerdem fanden die Statistiker heraus: Der Abstand zwischen Gering- und Besserverdienern wächst. "Die Geringverdienenden verloren etwas den Anschluss an die Mitte", sagte Egeler.

Die Behörde analysiert die Arbeitsverdienste alle vier Jahre. Als Niedriglohn gilt dabei ein Verdienst, der kleiner ist als zwei Drittel des mittleren Einkommens aller Beschäftigten. Im Jahr 2010 beziffert das Bundesamt diesen Wert mit 10,36 Euro. Die Angaben der Behörde beruhen auf den Daten von 1,9 Millionen Arbeitnehmern. Betriebe mit weniger als zehn Beschäftigten wurden allerdings nicht erfasst, um Kleinunternehmern das aufwendige Ausfüllen von Formularen zu ersparen. Die vorgelegten Ergebnisse seien deshalb als "Untergrenze" zu betrachten, da die in der Auswertung nicht einbezogenen Arbeitnehmer im Durchschnitt geringere Verdienste haben als diejenigen, die in die Statistik einflossen, sagte Egeler.

Bei dem errechneten Anteil von 20,6 Prozent würden mehr als sechs Millionen Menschen von einem Niedriglohn leben müssen. Tatsächlich dürfte die Zahl, wie andere Studien zeigen, bei knapp acht Millionen liegen. Vielen von ihnen droht die Altersarmut. Egeler warnte: "Niedriglohn heute bedeutet niedrige Rente morgen."