Fusion von Siemens und Alstom Ein Mann für die fast unmögliche Mission

Soll sein Unternehmen mit dem Erzrivalen Siemens Mobility vereinen: Alstom-Chef Henri Poupart-Lafarge.

(Foto: Pierre-Olivier; Alstom)
  • Einst waren Siemens und Alstom Konkurrenten. Nun soll Henri Poupart-Lafarge als designierter Chef einen deutsch-französischen "Schienen-Airbus" entwickeln.
  • Die Mitarbeiter haben schon jetzt Angst um Jobs und vor neuen Strukturen.
  • Helfen soll bei alldem Ex-Vizekanzler Sigmar Gabriel: Er soll in den Verwaltungsrat des Konzerns einziehen.
Von Leo Klimm, Paris

Henri Poupart-Lafarge muss schaffen, was jahrzehntelang unvorstellbar war: Der Vorstandschef des französischen Zugherstellers Alstom soll sein Unternehmen mit dem deutschen Erzrivalen verschmelzen, der Siemens-Verkehrssparte Mobility. Ende des Jahres soll die Fusion zum "Schienen-Airbus" mit 62 000 Mitarbeitern und einem Umsatz von 16 Milliarden Euro abgeschlossen sein. Siemens wird daran die Mehrheit halten. Doch die Reibungen zwischen dem Hersteller des berühmten Hochgeschwindigkeitszuges TGV und dem deutschen ICE-Bauer könnten - wie einst beim Vorbild Airbus - mit dem Zusammenschluss erst richtig beginnen.

Poupart-Lafarge versucht schon jetzt gegenzusteuern und hofft dabei auf Hilfe von Sigmar Gabriel. Der frühere SPD-Chef soll einen Posten im Verwaltungsrat des künftigen Konzerns übernehmen. "Ich bin sicher, dass sein Wissen über die Bahnbranche und unsere Herausforderungen dem neuen Unternehmen ziemlich nützen wird", sagt Poupart-Lafarge der Süddeutschen Zeitung. Hohe Erwartungen hat er auch an die bisherigen Siemens-Mitarbeiter. "Ich will eine positive Konfrontation", sagt er. "Egal, ob es um Arbeitsmethoden oder um Schweißnähte geht. Ich erwarte von beiden Seiten die Bereitschaft, sich selbst zu hinterfragen und vom anderen zu lernen."

Sowohl bei Siemens Mobility als auch bei Alstom müssten Ängste zerstreut werden, sagt der 49-jährige Manager. "Ja, es gibt die Sorge, dass das Gleichgewicht nicht stimmt, und es gibt die Sorge um Jobs", sagt Poupart-Lafarge. "Ich hoffe, die Teams lernen, sich zu vertrauen." Derzeit sei weder in Deutschland noch in Frankreich ein Standort gefährdet. "Die Werke müssen aber flexibler werden, um besser auf Auftragsschwankungen zu reagieren. Außerdem brauchen sie mehr Automatisierung."

Es braucht große Investitionen, um den Chinesen beizukommen

Zwar schützt der Deal die Mitarbeiter in den Heimatländern Deutschland und Frankreich während der ersten vier Jahre des Gemeinschaftsunternehmens vor Kündigungen. Umbauten dürfte es dennoch geben, vor allem in den Verwaltungen der Firmenzentralen. "Dort wird es in der Tat Dopplungen geben", räumt Poupart-Lafarge ein. "Ich will niemandem etwas vorlügen: Wir brauchen nicht zwei Finanzleiter." Im Zugbau selbst wolle er möglichst viel gemeinsame Technologie einsetzen. "Das wird ähnlich wie bei Autos von Volkswagen und Audi, die unterschiedlich sind im Design, aber viel Technik gemein haben."

Der künftige Siemens-Alstom-Chef sieht den Zusammenschluss der zwei europäischen Bahnhersteller als Gebot der Vernunft, um am Weltmarkt die wachsende Macht des größeren chinesischen Konkurrenten CRRC zu kontern. "Dieser Wettkampf entscheidet sich an der Fähigkeit, sehr viel Geld zu investieren - vor allem in digitale Technologien und in Zug-Fabriken überall auf der Welt", so Poupart-Lafarge. Das fällt uns gemeinsam leichter."

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