Führungskrise bei der Deutschen Bahn Auch Bahn-Aufsichtsrat Felcht droht das Aus

Bahn-Chef Grube hat hingeschmissen - und ist womöglich nicht der letzte, der bei der Bahn seinen Posten räumen muss.

(Foto: Fabrizio Bensch/Reuters)

Die Regierung macht Aufsichtsratschef Utz-Hellmuth Felcht für das Führungschaos um den ehemaligen Bahn-Chef Rüdiger Grube verantwortlich.

Von Markus Balser und Cerstin Gammelin, Berlin

Am Dienstag kam Rüdiger Grube noch mal zurück in den gläsernen Bahn-Turm am Potsdamer Platz in Berlin. Es ist sein erster Tag als Ex-Chef des Milliardenkonzerns. Am Nachmittag wollte sich Grube nach siebeneinhalb Jahren an der Spitze des Konzerns von seinen engsten Mitarbeitern verabschieden. Dann werden Möbelpacker seine persönlichen Dinge holen, all die Fotos mit der Bundeskanzlerin in seinem Büro etwa. Es ist das schmucklose Ende der Ära Grube bei der Bahn.

Seit dem Eklat an der Spitze des Konzerns mit 300 000 Mitarbeitern und 40 Milliarden Euro Umsatz herrscht Krisenstimmung in der Bahn-Zentrale. Der nur noch vierköpfige Vorstand traf sich zwar am Dienstag zu einer turnusmäßigen Sitzung. Doch ohne Chef sind Zukunftspläne für das Unternehmen mit so vielen Problemen schwer zu schmieden. Und die Führungskrise ist wohl noch nicht zu Ende. Denn nach dem Desaster um die gescheiterte Vertragsverlängerung Grubes droht nun nach Informationen der Süddeutschen Zeitung auch Bahn-Aufsichtsratschef Utz-Hellmuth Felcht das Aus.

Von links: Aufsichtsratsvorsitzender Utz-Hellmutz Felcht, Verkehrsminister Alexander Dobrindt und der damalige Bahn-Chef Rüdiger Grube im April 2016.

(Foto: imago/Christian Thiel)

Auch Dobrindt hatte den Kompromiss mit Grube befürwortet

In Kreisen der Bundesregierung wird der Vorwurf laut, Felcht habe das Debakel mitzuverantworten. Er sei an der Spitze des Kontrollgremiums nach den Vorgängen nicht mehr zu halten. Der frühere Chef des Chemiekonzerns Degussa sei mit der Situation offenkundig "überfordert" gewesen und müsse daraus die Konsequenzen ziehen. Felcht war am Dienstag für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Am Wochenende hatte der 70-Jährige jenen Kompromiss mit Grube ausgehandelt, der am Montag urplötzlich platzte. Ein zusätzliches Jahr an der Spitze des Aufsichtsrats sollte Grube bleiben dürfen - drei statt zwei Jahre - und im Gegenzug auf seine gewünschte Gehaltserhöhung verzichten. Selbst der Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) hatte den Kompromiss befürwortet, auch in einem persönlichen Vorgespräch mit Grube. Doch dann lief die Aufsichtsratssitzung aus dem Ruder. Zuerst soll Ex-RWE-Chef Jürgen Großmann, der eigentlich ein enges Verhältnis zu Grube hat, wegen zu großer Kritik am Kurs der Bahn eine längere Amtszeit abgelehnt haben. Dann ging auch die Arbeitnehmerseite auf Distanz. In Windeseile ließen die Aufsichtsräte die Vorlage umschreiben. Aus drei wurden zwei Jahre - und aus der Einigung mit Grube ein Eklat.

Für eine Teillösung stehe er nicht zur Verfügung, erklärte Grube daraufhin laut Teilnehmern. Er würde dadurch das Gesicht verlieren. Grube bot stattdessen die sofortige Vertragsauflösung an. Der Aufsichtsrat zog sich zur Beratung zurück - und besiegelte die Trennung.

Zypries nahm im Bahn-Tower nur einen Blumenstrauß entgegen

Möglicherweise wäre einiges anders gekommen, wäre bei der entscheidenden Aufsichtsratssitzung am Montag nicht ein wichtiger Stuhl des Regierungslagers leer geblieben. Denn das Bundeswirtschaftsministerium entsandte ausgerechnet zur wohl wichtigsten Sitzung des Jahres keinen Vertreter. Brigitte Zypries, bislang Bahn-Kontrolleurin, kam zwar am Montag in den Bahn-Tower, nahm aber nur einen Blumenstrauß entgegen - und verließ die Konzernzentrale nach ein paar Minuten wieder. Die frühere Staatssekretärin durfte nach der Beförderung ins Amt der Wirtschaftsministerin an der Sitzung nicht mehr teilnehmen. Das verbietet das Grundgesetz. Doch auch einen Nachfolger hatte das SPD-Ministerium nach dem Führungswechsel am Freitag auf die Schnelle nicht benannt.

Und so wird das Debakel auch zum Streitthema in der Bundesregierung: "An einem solchen Tag darf kein Stuhl leer bleiben. Wie das gelaufen ist, ist äußerst ärgerlich", heißt es im CSU-geführten Bundesverkehrsministerium. Und auch im CDU-geführten Finanzministerium fragt man sich, warum das Wirtschaftsministerium bei einer der wichtigsten Aufgaben eines Aufsichtsrates, nämlich der Bestellung eines Vorstandes, nicht anwesend gewesen sei. Dies sei in der Kürze der Zeit schlicht nicht machbar gewesen, erklärt ein Sprecher. Schließlich hätte das Kabinett sich mit der Nachfolge beschäftigen müssen. "Eine Teilnahme war daher nicht möglich."

"Einen schlechteren Zeitpunkt, einen Bahn-Chef zu suchen, gibt es nicht"

Der Streit im Aufsichtsrat der Bahn dürfte die Suche nach einem Grube-Nachfolger erschweren. Erfahrene Manager mit gutem Ruf werden sich ein derart zerstrittenes Gremium als Arbeitgeber kaum antun. Und mögliche Kandidaten wissen: Wer jetzt Bahn-Chef wird, könnte schon im Herbst nach der Wahl ganz neue politische Vorgaben bekommen. Dann nämlich, wenn das Bundesunternehmen Bahn von einer neuen Bundesregierung gesteuert wird, die dem Staatskonzern eine neue Rolle verpassen will.

"Einen schlechteren Zeitpunkt, einen Bahn-Chef zu suchen, gibt es nicht", sagt ein Insider. Zumal die Bahn im Vergleich zu börsennotierten Unternehmen niedrigere Gehälter zahlt. Zuerst müsse der Chefposten im Aufsichtsrat neu besetzt werden, verlautet aus der Bundesregierung. Erst dann könne die Vorstandspersonalie geklärt werden. Dass Felcht im Personalausschuss des Aufsichtsrats die Nachfolgersuche anführt, will die Bundesregierung offenbar verhindern. Nicht mehr ausgeschlossen wird auch, dass der nächste Bahn-Chef bereits bei der Bahn arbeitet - oder gearbeitet hat. Die einflussreichen Gewerkschaften würden etwa einer Beförderung von Ex-Kanzleramtschef Ronald Pofalla auf den Chefposten wohl nicht im Weg stehen. Und auch der Name des erst kürzlich geschassten Vorstands Volker Kefer, 61, fällt immer wieder. Er hatte das Unternehmen im Herbst verlassen.

Parlamentarier hoffen dagegen auf ein geordnetes Auswahlverfahren. "Da gibt es niemanden, der sich sofort aufdrängt", warnt SPD-Fraktionsvize Sören Bartol. "Ich rate jetzt allen, einen kühlen Kopf zu bewahren und nichts zu überstürzen."

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