EZB Wem Draghis Geldpolitik wirklich nutzt

2012 sagte Mario Draghi, die EZB werde tun "was auch immer nötig ist", um den Euro zu erhalten. Seitdem sind die Zinsen auf Staatsanleihen zum Teil drastisch gefallen.

(Foto: Bloomberg)
  • Analysten haben geschätzt, wer am meisten von der lockeren Geldpolitik der EZB profitiert: Vor allem Italien und Spanien haben dadurch Milliarden Euro an Zinszahlungen gespart.
  • Beobachter befürchten angesichts des immer noch billigeren Geldes, dass notwendige Strukturreformen verzögert werden.
Von Benedikt Müller

Wenn die Europäische Zentralbank (EZB) den Leitzins in der Euro-Zone senkt und Anleihen in Milliardenhöhe aufkauft, verfolgt sie ein großes Ziel - zumindest offiziell: EZB-Chef Mario Draghi will, dass die Banken wieder mehr Kredite vergeben, damit die Menschen in Europa mehr kaufen und die Unternehmen mehr investieren können. Durch die so gesteigerte Nachfrage sollen die Preise steigen und die europäische Wirtschaft wieder wachsen. Soweit die Theorie.

Italien profitiert am stärksten vom "Draghi-Effekt"

In der Praxis aber funktioniere das bislang nicht, kritisieren viele Ökonomen. Stattdessen zeigt die Politik der EZB an anderer Stelle Wirkung: Seitdem Draghi im Sommer 2012 ankündigte, er werde alles tun, um den Euro zu retten, müssen Staaten wie Italien oder Spanien bei weitem nicht mehr so hohe Zinsen bezahlen, wenn sie sich an den Finanzmärkten Geld leihen. Ein Beispiel: Unmittelbar vor Draghis damaliger Ankündigung verlangten Investoren für spanische Staatsanleihen noch gut sechs Prozent jährliche Rendite; inzwischen sind es nur noch rund zwei Prozent. Offenbar vertrauen die Finanzmärkte also darauf, dass eine Staatspleite Spaniens wirklich praktisch ausgeschlossen ist.

Analysten der genossenschaftlichen DZ Bank haben nun ausgerechnet, wie viel Geld die Euro-Staaten in den vergangenen drei Jahren gespart haben, weil sie sich so viel günstiger verschulden konnten. Verglichen mit einem Szenario, in dem die Renditen der Staatsanleihen gleich hoch geblieben wären, musste beispielsweise Italien demnach etwa 53 Milliarden Euro weniger Zinsen zahlen. Im spanischen Haushalt beträgt der "Draghi-Effekt" etwa 25 Milliarden Euro. Für Deutschland dagegen schätzt die DZ Bank nur eine Ersparnis von 9,5 Milliarden Euro. Denn deutsche Staatsanleihen galten schon vor Draghis Ankündigung als sichere Geldanlage; die Rendite sank von bereits niedrigen 1,3 Prozent auf dann unter 0,3 Prozent.

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Beobachter befürchten verschleppte Reformen

Grundsätzlich ist es zwar keine schlechte Nachricht, wenn die europäischen Staaten weniger Geld für ihren Schuldendienst ausgeben müssen; schließlich bleibt dann mehr Geld für Investitionen. Doch Kritiker wie der Münchner Ökonom Hans-Werner Sinn befürchten, die Krisenstaaten könnten das billige Geld ausnutzen um nötige Reformen aufzuschieben.

Anton Börner, der Präsident des Exportverbandes BGA, spricht deshalb von einer gigantischen Umverteilung von Norden nach Süden: "Man lullt die Schuldenstaaten ein. Sie machen keine Reformen, die Produktivität steigt nicht." Letztlich drifteten die Staaten so noch weiter auseinander, sagt auch Ralph Brinkhaus, Union-Fraktionsvize im Bundestag: "Solange sich die Euro-Krisenländer nicht konsequent reformieren, werden die EZB-Maßnahmen ins Leere laufen."

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Die DZ Bank prognostiziert, bis zum Jahr 2022 könnte der italienische Staat dank des "Draghi-Effekts" über 600 Milliarden Euro gespart haben, Deutschland käme immerhin knapp 90 Milliarden Euro. Rechnet man mit ein, dass die Bundesrepublik schon vor dem Sommer 2012 kaum Zinsen für ihre Staatsschulden bezahlen musste, ergibt sich demnach eine Ersparnis von mehr als 300 Milliarden Euro.

Die Untersuchung hat allerdings einen Haken: Die Analysten können sich nicht sicher sein, ob die Renditen der Staatsanleihen wirklich auf Jahre gleich hoch geblieben wären, hätte Draghi die Märkte nicht mit seiner Ankündigung beruhigt. Genauso wenig kann die DZ Bank vorhersagen, wie sich die Anleihezinsen genau weiterentwickeln werden.

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