EZB Warum Mario Draghi die Zinsen senkt

Die Europäische Zentralbank greift zu drastischen Mitteln: Sie beschließt Milliardenkredite und einen Strafzins für Banken. Was soll das? Und was bedeuten die Entscheidungen der EZB für Sparer?

Von Catherine Hoffmann, Ilse Schlingensiepen und Markus Zydra, Frankfurt

Um die Krise in Europa endlich zu bewältigen, begnügt Mario Draghi sich nicht mit einem kleinen Schritt in der Zinspolitik. Denn seine schärfste Waffe ist längst stumpf. Als der Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) am vergangenen Donnerstag in Frankfurt vor die Presse tritt, hat er ein milliardenschweres Kreditpaket mitgebracht, das den geschundenen Unternehmen in Südeuropa Erleichterung verschaffen soll. Damit nicht genug: Erstmals in der Geschichte der EZB müssen Banken für ihre Guthaben bei den Währungshütern Negativzins zahlen.

Was genau hat die EZB entschieden?

Der EZB-Rat senkte den Leitzins von 0,25 Prozent auf das Rekordtief von 0,15 Prozent. Er ist das wichtigste Instrument einer Notenbank, um die Inflation zu steuern. Steigen die Preise zu langsam oder fallen sogar, macht die Notenbank das Geld billiger und stärkt damit die Konjunktur - so wie es jetzt die EZB getan hat. Da der Spielraum für Zinssenkungen weitgehend ausgeschöpft ist, pumpt Draghi zudem billiges Geld in die Banken. 400 Milliarden Euro stellen die Währungshüter bereit, damit die Institute Kredite an Unternehmen vergeben, vor allem in Südeuropa. Schon einmal hat die EZB Milliardensummen in das Finanzsystem geleitet, der Wirtschaft hat es nicht geholfen. Diesmal sind die Notenbankkredite zweckgebunden. Das ist neu. Zudem verlangt Draghi von den Banken künftig einen Strafzins, wenn sie bei der Notenbank Geld parken. Dafür wird der Einlagenzins erstmals unter die Nulllinie auf minus 0,10 Prozent reduziert.

Was bedeutet der Negativzins für die Banken?

Europas Banken horten 150 Milliarden Euro auf dem Konto der EZB. Sie parken dieses Geld dort über Nacht, weil sie anderen Banken noch immer nicht trauen. Die Sicherheit der EZB war ihnen schon bisher viel wert: Die Kreditinstitute verzichten auf Rendite, der Einlagenzins liegt schon lange bei null Prozent. Nun müssen die Banken sogar einen Strafzins zahlen, wenn sie das Geld dort deponieren möchten.

Wie haben die Märkte reagiert?

Der Dax sprang über die historische Marke von 10 000 Punkten. Auch der europäische Leitindex Euro-Stoxx-50 legte kräftig zu und notierte auf dem höchsten Stand seit knapp sechs Jahren. Der Euro fiel dagegen auf ein Vier-Monats-Tief von 1,35 Dollar.

Was bedeuten die Entscheidungen für Sparer?

Anleger müssen sich darauf einstellen, dass die Zinsen in Europa auf absehbare Zeit extrem gering bleiben - und vermutlich noch einmal sinken. Auf den Bank- oder Tagesgeldkonten werden sich die Ersparnisse kaum noch vermehren - im Gegenteil. Berücksichtigt man die Inflationsrate in Deutschland, so machen viele Sparer schon heute real Verluste. Wer sich damit nicht abfinden will, der muss Alternativen zum klassischen Sparbuch oder zu Termineinlagen suchen. Mit europäischen Aktien, spanischen Rentenpapieren oder guten Unternehmensanleihen ließ sich in den vergangenen Jahren viel verdienen - allerdings mit erhöhtem Risiko.

Enteignet die Notenbank die Sparer?

Ohne Zweifel schadet die Politik des billigen Geldes den Anlegern in Europa. Es ist aber auch nicht Aufgabe der Zentralbank, für auskömmliche Renditen von Sparguthaben zu sorgen. Ihr Mandat bezieht sich allein auf die Preisstabilität. Wenn sie erreicht wird, profitieren auch Verbraucher - ebenso wie es ihnen nützen würde, wenn die Finanzkrise endlich überwunden wäre. Je schneller, desto eher können die Renditen für sichere Staatsanleihen steigen.

Was bedeuten die niedrigen Zinsen für die Lebensversicherungen?

Sinken die Zinsen, werfen Lebensversicherungspolicen weniger ab. Der Grund: Die Versicherer erzielen mit ihren Kapitalanlagen weniger Erträge, die sie den Kunden gutschreiben können. Deshalb fällt es den Unternehmen auch immer schwerer, die Garantien zu erwirtschaften, die sie ihren Kunden einst zugesagt haben - in guten Zeiten waren es vier Prozent.

Was bedeutet das alles für Verbraucher, die einen Kredit aufnehmen?

Kredite bleiben weiter historisch billig. Die Hypothekenzinsen in Deutschland etwa stehen laut Bundesverband deutscher Banken schon jetzt auf einem Rekordtief. Möglicherweise werden sie sogar noch ein wenig weiter nach unten gehen.