Europas Abhängigkeit von Gazprom Erdgas aus der Sahara

Bestehende und geplante Pipelines der Afrika-Achse

(Foto: SZ-Karte)

Alternativen zu russischem Gas sind dringend gesucht - nicht nur wegen der Ukraine-Krise: Spanien baut neue Pipelines und macht so Europa unabhängiger von Gazprom. Sogar Erdgas aus Nigeria soll nach Europa gelangen.

Von Thomas Urban, Madrid

"Wie kann Spanien Europa helfen?" Unter diesem Motto wirbt Antoni Peris, Vorstandschef von Sedigas, der Asociación Española del Gas, für einen Beitrag zur Diversifikation der Bezugsquellen von Erdgas für die EU-Staaten.

In Madrid findet die Ukraine-Krise große Aufmerksamkeit, nicht zuletzt deshalb, weil die Elite in Politik und Wirtschaft ebenfalls einem Sezessionsproblem gegenübersteht: Die Führung der Industrie- und Touristikregion Katalonien betreibt die Abspaltung von Spanien. Auch nutzt man in Madrid nun die Gelegenheit, einen konstruktiven Beitrag in einer europäischen Debatte zu leisten, nachdem das Land in den letzten Jahren in den anderen EU-Staaten vor allem als wirtschaftspolitischer Problemfall wahrgenommen wurde.

Die iberische Halbinsel bezieht weder Gas noch Öl aus Russland. Zwar hat der vom Kreml kontrollierte Monopolist Gazprom immer wieder Vorstöße gemacht, auch auf dem spanischen Markt Fuß zu fassen, doch hat dies bislang die Regierung abgeblockt. In diesem Punkt sind sich die seit Ende 2011 regierenden Konservativen unter Mariano Rajoy mit den oppositionellen Sozialisten einig.

Peris' Plan: Abhängigkeit der EU von Gazprom verringern

Gas ist mit 83 Prozent Anteil die Basis der Energieerzeugung aus Brennstoffen in Spanien. Erneuerbare Energie macht dabei erst 5,4 Prozent aus. Im spanischen Energiemix macht Gas aber weniger als ein Viertel aus. Zuletzt hat die Windenergie stark zugenommen: Der Stromgigant Iberdrola hat im vergangenen Jahrzehnt weite Teile des Landes mit Windrädern bespargelt, bis 2012 war auch Solarenergie stark subventioniert war.

Einen Großteil seines Erdgases bezieht Spanien aus Algerien - wie aus dieser Erdgas-Raffinerie bei In Aménas, wo islamistische Terroristen im Januar 2013 bei einer Geiselnahme ein Blutbad anrichteten.

(Foto: Reuters)

Im vergangenen Jahr bezog Spanien 51 Prozent seines Erdgases aus Algerien, zwölf Prozent aus Frankreich, mit dem das Land über die Pipeline Larrau durch die Westpyrenäen verbunden ist. Verflüssigtes Erdgas (LNG) wird mit Spezialfrachtern über die sieben Terminals in das spanische Netz gebracht, die größten befinden sich in Almería und Tarifa. Zwölf Prozent des dort angelandeten LNG kam zuletzt aus den Golfstaaten, zehn Prozent aus Nigeria. Als weiterer Großlieferant bot sich nun Mexiko an.

Kernstück des Plans, den Sedigas-Chef Peris vorstellte, sind Ausbau und auch Neubau der Verbindungen zwischen dem spanischen und dem französischen Pipelinenetz. Nach den Worten Peris' ist es zur Erhöhung der Energiesicherheit unvermeidlich, die Abhängigkeit der EU von Gazprom zu verringern. Ein Viertel des von ihr verbrauchten Erdgases kommt aus Russland, einige der ehemaligen Ostblockstaaten in der EU sind zu hundert Prozent von Gazprom abhängig.

Nach den Berechnungen der Sedigas-Experten könnte über Spanien innerhalb kurzer Zeit mindestens zwölf Prozent der heute in den EU-Staaten verbrauchten Gesamtmenge russischen Erdgases kommen, wenn ein fehlendes Pipelinestück vollendet wird, und deutlich mehr - falls das Pipelinenetz weiter ausgebaut wird.

Kein übermäßiges Engagement Frankreichs

Premierminister Mariano Rajoy sicherte EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy im März in einem Schreiben zu, dass Madrid die Vollendung der Pipeline Biriatou und den Neubau von Midcat beschleunigen wolle. Biriatou, nach einem baskischen Dorf benannt, durchschneidet das Westende der Pyrenäen, Midcat - der Name steht für Midi (Südfrankreich) plus Catalunya (Katalonien) - den Ostrand.

Biriatou soll 2015 fertig werden. Die 184 Kilometer lange Pipeline Midcat ist dagegen bislang nicht über das Planungsstadium hinausgekommen; immerhin wurde das Projekt schon vor der Ukraine-Krise im vergangenen Oktober auf die PCI-Prioritätenliste (Projects of Common Interest) der Europäischen Kommission gesetzt. Nach Peris' Worten hat sich die französische Seite bislang dabei allerdings nicht übermäßig engagiert.

Midcat soll nach den spanischen Planungen Gas aus Afrika über Frankreich nach Mitteleuropa pumpen. Spanien ist über zwei Pipelines durch das Mittelmeer mit den algerischen Erdgaslagerstätten um Hassi R'Mel in der Sahara verbunden. Die MEG-Pipeline (Maghreb-Europe-Gaz) wurde 1996 eröffnet. Sie führt über Marokko 45 Kilometer über den Grund der Straße von Gibraltar bis in die andalusische Metropole Córdoba, über die auch Portugal angebunden ist. 2011 nahm die Medgaz-Pipeline, die über den bis zu 2160 Meter tiefen Grund des Mittelmeeres nach Almería führt, den Betrieb auf.

Spanien als Transitland für Gas aus Algerien in EU-Staaten

2015 soll überdies die Trans-Saharan-Pipeline (auch Nigal genannt) stehen, die 4128 Kilometer lange Anbindung Nigerias über Niger an den algerischen Pipelineknotenpunkt Hassi R'Mel, so dass nigerianisches Erdgas auch auf diesem Weg nach Europa gelangen kann. Nigeria verfügt mit geschätzten 5,3 Billionen Kubikmetern über die achtgrößten Erdgasreserven.

Algerien liegt mit 4,5 Billionen Kubikmetern weltweit auf dem zehnten Rang, führt aber mit großem Abstand im Mittelmeerraum. Zwar wird die Gesamtmenge der Reserven Russlands, der Nummer Eins, zehnmal größer angesetzt, doch sind Förderung und Transport sibirischen Erdgases wegen des harten Klimas ungleich schwieriger, außerdem mit viel höheren Kosten für Umwelt sowie Weltklima verbunden. Zwar hat Gazprom versucht, auch mit dem algerischen Staatskonzern Sonatrach ins Geschäft zu kommen. 2006 wurde ein Vertrag über Erkundung und Erschließung mehrerer Lagerstätten unterzeichnet. Zahlreiche Probebohrungen wurden vorgenommen, doch erst im Januar 2014 kam ein Joint Venture zustande, an dem Sonatrach 51 Prozent hält. Ähnliche Verträge schlossen die Algerier allerdings auch mit westlichen Firmen.

Gazprom wird also in absehbarer Zeit kein schwergewichtiger Konkurrent bei Erdgas aus Afrika sein. Den Spaniern, die sich nun als Transitland für Gas aus Algerien in die anderen EU-Staaten anbieten, machen andere Dinge Sorgen: Zum einen sind die algerische Förderanlagen teilweise veraltet, deshalb stark störanfällig. Zum anderen wurden einige von ihnen bereits Ziel von Anschlägen der Al-Qaida. So brachte im Januar 2013 ein Terroristenkommando bei In Aménas an der algerisch-libyschen Grenze 800 Personen in ihre Gewalt. Beim Versuch der algerischen Streitkräfte, die Geiseln zu befreien, kamen Dutzende Personen um, darunter 39 ausländische Spezialisten. Die spanischen Experten raten deshalb auch zur Diversifikation der Transportwege, zentraler Punkt dabei: Ausbau der LNG-Terminals.