EU-Kommission will Macht der Wirtschaftsprüfer brechen Beraten verboten

Zu viel Macht in zu wenigen Händen: EU-Kommissar Barnier will die Macht der "Großen Vier" der Wirtschaftsprüfer brechen: Deloitte, Ernst & Young, KPMG und PricewaterhouseCoopers. Sie sollen keine Beratung mehr anbieten dürfen. Es wäre ein extremer Schlag für ihr Geschäftsmodell.

Bisher hatten die vier großen Wirtschaftsprüfungs-Unternehmen in Europa eine Vormachtstellung - viele sagen: ein Oligopol. Die EU-Kommission will die Stärke der Marktführer Deloitte, Ernst & Young, KPMG und PriceWaterhouseCoopers aber nun deutlich einschränken: Sie sollen keine Unternehmensberatung mehr anbieten dürfen.

Die Wirtschaftsprüfungs-Gesellschaften KPMG, Deloitte, Ernst & Young und PriceWaterhouseCoopers prüfen die Bilanzen fast aller wichtigen Aktiengesellschaften in Europa. Die EU-Kommission will ihr Geschäft nun einschränken.

(Foto: AP)

Das sieht ein Entwurf vor, den die EU-Behörde in Brüssel präsentierte. Die Unternehmen haben den gesetzlichen Auftrag, Buchführung und Jahresabschlüsse von Firmen zu prüfen, sie werden aber auch zur Unternehmensberatung herangezogen. Der für den Binnemarkt zuständige EU-Kommissar Michel Barnier will mögliche Interessenkonflikte dadurch beseitigen, dass ein Wirtschaftsprüfungs-Unternehmen von einer Firma nicht für auch noch für weitere Dienste wie zum Beispiel Beratung in Anspruch genommen wird.

Barniers Vorschlag kommt einem Plan zur Zerschlagung gleich: Die Großkonzerne müssten sich in Prüfgesellschaften und Beratungsfirmen aufspalten. Auf diese Weise will Brüssel Bilanzskandale verhindern.

Der Vorschlag ist Teil eines ganzen Bündels der EU zur besseren Kontrolle der Finanzmärkte. Leerverkäufe, Derivatehandel oder der Einfluss der Ratingagenturen - Barnier, Kommissar aus der Regierungspartei von Präsident Nicolas Sarkozy, legt sich auf vielen Gebieten mit den Lobbyisten der Branche an. Doch am Ende schaffen es seine Pläne oft nur in verwässerter Form, umgesetzt zu werden.

Auch bei den "Big Four" will Barnier mit den strengeren Regeln die Lehren aus der Finanzkrise 2008 ziehen: Sie habe gezeigt, dass das Modell nicht funktioniere. Wirtschaftsprüfer - die parallel oft auch als Unternehmensberater tätig sind - hätten aus Interessenkonflikten nicht rechtzeitig vor Problemen von Unternehmen gewarnt.

Einige große Finanzinstitute hätten bei Abschlussprüfungen unmittelbar vor und während der Krise "uneingeschränkte Bestätigungsvermerke" erhalten - und zwar "trotz der erheblichen immanenten Schwächen hinsichtlich ihrer finanziellen Solidität". Auch in aktuellen Kontrollberichten nationaler Aufsichtsbehörden werde die Qualität der Abschlussprüfungen kritisiert. "Die Krise hat das Vertrauen der Verbraucher in Abschlussprüfungen erschüttert, und ich denke, dass der Sektor Änderungen braucht", sagte Barnier.

Zudem sei die Konzentration auf nur vier Gesellschaften riskant, weil der Ausfall einer Gesellschaft das ganze System bedrohen könnte. Allein in Deutschland beschäftigen die "großen Vier" rund 28 000 Mitarbeiter und kommen auf einen Jahresumsatz von mehr als 4,2 Milliarden Euro. Sie prüfen die Bilanzen fast aller wichtigen Aktiengesellschaften. Europaweit beherrschen sie nach EU-Angaben 85 Prozent des Marktes.

Lukrative Beratung wird immer wichtiger

In Deutschland hatte zuletzt der Fall der milliardenschweren Fehlbuchung über 55,5 Milliarden Euro bei der "Bad Bank" der verstaatlichten Pleitebank Hypo Real Estate (HRE) für Aufsehen gesorgt. Die Wirtschaftsprüfer von PriceWaterhouseCoopers hatten den Fehler Medienberichten zufolge nicht erkannt.

Entschieden ist nichts: Europaparlament und Mitgliedsstaaten müssen dem Vorschlag der EU-Kommission noch zustimmen. Frühestens in drei bis fünf Jahren dürften die neuen Regeln laut Kommission umgesetzt sein. Zudem will die EU-Behörde die übliche Praxis abschaffen, nach der ein Unternehmen seine Geschäftsberichte über Jahrzehnten von immer derselben Gesellschaft prüfen lässt. Konzerne sollen verpflichtet werden, ihren Wirtschaftsprüfer im Rotationsprinzip nach sechs Jahren zu wechseln. Nur wenn zwei Gesellschaften prüfen, soll die Frist neun Jahre betragen. Firmen müssen ihre Aufträge ausschreiben. Der Sektor soll unter die Kontrolle der Wertpapieraufsicht ESMA kommen.

Aus der Branche, die um ihr Geschäftsmodell fürchtet, kommt Kritik. Weil das klassische Geschäft mit der Bilanzprüfung seit Jahren stagniert, wird die lukrative Beratung immer wichtiger. Von einer "verpassten Chance" sprach PricewaterhouseCoopers (PWC). Der Vorschlag werde die Qualität verschlechtern und die Kosten erhöhen, sagte Vorstandssprecher Norbert Winkeljohann von PWC Deutschland.

Unter dem Druck der Lobby verzichtete die Kommission bereits auf die Idee, dass die "Großen Vier" ihre Beratungsgeschäft mit kleineren Konkurrenten in gemeinsamen Aufträgen teilen müssen.