Discounter Anwalt der Aldi-Erben zieht vor Gericht alle Register

Das OVG Schleswig verhandelt in einem Berufungsverfahren im Rechtsstreit um den Einfluss von Babette Albrecht bei Aldi Nord.

(Foto: dpa)
  • Der Oberverwaltungsgericht Schleswig-Holstein könnte an diesem Donnerstag eine Entscheidung treffen.
  • Es geht um die Frage, wer bei Aldi Nord künftig das Sagen hat.
Von Michael Kläsgen

An diesem Donnerstag wird Andreas Urban in Schleswig noch einmal alles geben. Der Anwalt der Aldi-Nord-Erbin Babette Albrecht und ihrer fünf Kinder muss alles geben. Es steht viel auf dem Spiel vor dem Oberverwaltungsgericht (OVG). Es geht darum, wer künftig beim Discounter das Sagen hat. Seine Mandanten, die Witwe und ihre fünf Kinder, könnten stark an Einfluss gewinnen. Und auch für Urban persönlich ist der Tag entscheidend.

Fällt das Urteil zu Gunsten der Witwe aus, dann ist ihm ein Platz im Vorstand der Jakobus-Stiftung und damit eine wichtige Stimme in dem milliardenschweren Konzern wohl sicher. Die Jakobus-Stiftung ist eine von drei Stiftungen, die das Kapital des Discounters verwalten. Wichtige Entscheidungen dürfen die Stiftungen nur einstimmig entscheiden, so schreiben es die Satzungen vor und so war es von den Unternehmensgründern gedacht.

"Wir sind ein Discounter - ist man dann noch ein Discounter? Da gibt es offene Fragen"

Da Urban eine Generalvollmacht von Babette und ihren Kindern hat, dürfte er dann bei wichtigen Entscheidungen über die Strategie des Discounters mitreden. In der Vergangenheit tat er das bereits, etwa in der Frage, ob Aldi Nord das gut fünf Milliarden Euro schwere Investitionsprogramm "Aniko" lancieren soll oder nicht. Da kam es zunächst zu Verzögerungen. Der Nachrichtenagentur dpa sagte Urban damals: "Wir können nicht auf Basis unvollständiger Informationen entscheiden. Es geht ja um viel Geld." Grundsätzlich sei man für Investitionen. Doch müsse auch geprüft werden, wie sich ein solches Milliardenprogramm auf die Kostenstruktur auswirke. "Wir sind ein Discounter - ist man dann noch ein Discounter? Da gibt es offene Fragen."

Die Vorinstanz hatte zugunsten von Urban und seinen Mandanten entschieden. Damit wuchs ihr Einfluss. Der könnte am Donnerstag durch ein aufhebendes Urteil des OVG wieder schrumpfen. Gerungen wird vor Gericht über eine Satzungsänderung, die Babettes verstorbener Mann Berthold Albrecht Ende 2010 unterschrieb. Darin veranlasste er, dass künftig Unternehmensvertreter und nicht mehr Familienmitglieder im Vorstand der Stiftung entscheiden sollen. Er unterschrieb damals nicht nur für sich, sondern auch für das erkrankte Vorstandsmitglied, den ehemaligen Aldi-Nord-Chef Hartmuth Wiesemann. Die Vorinstanz stellte einen Formfehler fest. Wiesemann soll jetzt als Zeuge über die damaligen Vorgänge vor dem OVG Auskunft erteilen. Urban wird alles daran setzen, dass auch das OVG die Unterschrift von Berthold Albrecht für unwirksam erklärt.

Der Jurist von der Düsseldorfer Kanzlei Heuking Kühn Lüer Wojtek war Berthold Albrecht in besonderer Weise verbunden. Er war mit ihm in der Jugend befreundet; sie nahmen gemeinsam Tanzstunden und spielten Golf. Urban war Bertholds Trauzeuge und hielt die Festrede am Tag der Hochzeit mit Babette.

Als Anwalt der Witwe achtet Urban Bertholds Persönlichkeitsrechte in der Öffentlichkeit auch nach dessen Tod. Die Frage, ob Berthold aufgrund einer Erkrankung am Tag der Satzungsänderung geschäftsfähig war, ist aber durchaus für das Gericht entscheidungsrelevant. Deswegen behandelt das OVG dieses Thema in nichtöffentlicher Sitzung.

Nicht ausgeschlossen, dass es an diesem Donnerstag neue Beweisanträge geben wird, etwa bezüglich der Bestellung eines Sachverständigen-Gutachters. Unter Umständen müsste der Prozess noch einmal vertagt werden - mit vielleicht weitreichenden Folgen: Die Amtsperiode einer ehrenamtlichen Richterin läuft in wenigen Tagen aus. Gegebenenfalls müsste das Verfahren neu aufgerollt werden. Für Urban wäre das wohl immer noch besser als eine Niederlage.

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