SZ: Der Start in die Energiewende wird teuer. Desertec kostet 400 Milliarden Euro - fünfmal mehr als die Apollo-Mondmission. Wo lassen sich in der Krise so potente Geldgeber auftreiben?

Paul van Son, Foto: Schellnegger

Paul van Son: "Solarkraftwerke werden sich auf lange Sicht genauso rentieren wie herkömmliche Kraftwerke." (© Foto: Schellnegger)

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van Son: Zugegeben: Die Zahl klingt gewaltig. Aber was kaum jemand sieht: der Aufbau der gleichen Kapazitäten mit Kohle-, Atom- oder Gaskraftwerken in Europa wäre mindestens genauso teuer. Und Energieversorgung kostet ja nicht nur. Die beteiligten Konzerne erschließen sich neue Geschäftsfelder. Und Solarkraftwerke werden sich auf lange Sicht genauso rentieren wie herkömmliche Kraftwerke.

SZ: Ohne Hilfe vom Staat wird es anfangs kaum klappen.

van Son: Das Projekt braucht starke politische Unterstützung - in der EU, aber auch in Nordafrika und dem Nahen Osten. Investoren brauchen Sicherheit, beispielsweise in Form einer garantierten Abnahme des Stroms zu einem Preisx, ähnlich wie bei heutigen Ökostrom-Formen wie der Solar- und Windförderung in Deutschland. Unser Ziel ist es, stabile Rahmenbedingungen zu bekommen, damit private wie öffentliche Geldgeber in zukünftige Projekte investieren werden.

SZ: Der Schlüssel sind leistungsfähige Stromleitungen. Europa will aber in den nächsten zehn Jahren nur zwei Milliarden Euro in die Netze investieren. Das wird kaum reichen.

van Son: Wir brauchen neuartige Gleichstromleitungen zwischen Nordafrika und Europa, bei denen der Energieverlust selbst bei großen Entfernungen äußerst gering ist. Dafür veranschlagen Experten bis 2050 etwa 50 Milliarden Euro. Dieses Geld muss aber nicht zwingend aus öffentlichen Kassen kommen.

SZ: Noch wird Desertec von deutschen Konzernen wie Siemens, Eon oder der Deutschen Bank dominiert. So werden Sie kaum Akzeptanz in Algier oder Kairo schaffen. Wann kommen die erhofften neuen internationalen Partner?

van Son: Sehr bald. Wir werden im März vier oder fünf neue Gesellschafter aufnehmen - Energieversorger und Technologiefirmen aus Italien, Spanien, Frankreich, Tunesien und Marokko. Eine weitere Runde soll in einigen Monaten folgen.

SZ: Wie groß wird die Desertec-Gesellschaft?

van Son: Das Unternehmen ist offen. Auf eine Höchstzahl legen wir uns nicht fest. Aber für die Aufnahme gelten strenge Kriterien: Was kann ein neuer Partner inhaltlich zu dem Projekt beitragen? Und wo kommt er her? Außerdem haben wir gerade eine neue Form assoziierter Mitglieder ohne Stimmrecht geschaffen, die bei Desertec mitmachen wollen. Deren Zahl ist nicht limitiert.

SZ: Klingt als stünden die Bewerber nur so Schlange. Können Sie wirklich auswählen?

van Son: Der Ansturm ist tatsächlich gewaltig. Es gibt viel mehr Interessenten, als der Gesellschafterkreis aufnehmen kann. Für den Kreis assoziierter Mitglieder sind es bereits mehr als hundert.

SZ: Noch nie hat Deutschland im Ausland Kraftwerke gebaut und deren Strom importiert. Gegner warnen vor Abhängigkeiten von undurchschaubaren Regimen Nordafrikas wie Libyens Revolutionsführer Muammar Gaddafi und fürchten Terroranschläge. Sie nicht?

van Son: Jeder Energieträger birgt Risiken: Nehmen Sie Ölkrisen oder den Lieferstopp bei russischem Gas. Schon heute importieren wir im großen Stil Rohstoffe aus Algerien oder Libyen - die Frage der Energiesicherheit geht ganz Europa an. Aber die Diskussion um die Sicherheit von Sonnenkraftwerken ist übertrieben. Wir planen in Partnerschaft erneuerbare Energien von Marokko bis Saudi-Arabien. Die Quellen sind breit gestreut. Ich sehe mehr Vor- als Nachteile. Europa und Afrika können stärker zusammenwachsen. Ich glaube, dass Desertec zu einer friedlichen und nachhaltigen Entwicklung führen wird.

SZ: Die Initiative will einen Kopf wie Gerhard Schröder für die Ostseepipeline oder Joschka Fischer für Nabucco, der dem Projekt internationales Gewicht gibt. Seit Wochen bemühen Sie sich um die Verpflichtung von Klaus Töpfer als Sonderbotschafter. Wann unterschreibt er?

van Son: Es stimmt: Wir wollen einen Hochkaräter mit internationaler Bekanntheit und einem Herz für nachhaltige Entwicklungen verpflichten, der auf politischem Parkett Türen öffnen kann. Die Verhandlungen liegen in den letzten Zügen.

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(SZ vom 17.02.2010/mel)