Debatte über Zuckersteuer Übergewicht ist das neue Normal

Faible für ungesundes Essen und süße Softdrinks: Menschen an einem Imbissstand in Großbritannien

(Foto: onfilm/iStockphoto)

Wie kann sich der "dicke Mann Europas" selbst helfen? Weil die Zahl der Fettleibigen so hoch ist, diskutiert Großbritannien eine Zuckersteuer. Um das Problem zu begreifen, genügt laut Befürwortern ein Blick in die Schaufenster von Modegeschäften.

Großbritannien ist zu dick: Zwei Drittel der Erwachsenen und ein Drittel der Kinder unter 15 Jahren seien übergewichtig oder fettleibig, schreibt Sally Davies, oberste medizinische Beraterin der Regierung, in ihrem neuen Jahresbericht (PDF). Die Folgen seien verheerend, das Risiko für Bluthochdruck, Diabetes und Schlaganfälle und viele andere Krankheiten steige.

Als einen Grund für die Verbreitung von Übergewicht unter Kindern hat Davies gezuckerte Softdrinks ausgemacht. Für den Fall, dass die Hersteller der Getränke Zuckergehalt und Größen ihrer Produkte nicht verringern, schlägt sie eine radikale Maßnahme vor: Dann müsse die Regierung über eine Zuckersteuer nachdenken. Ein Sprecher des Gesundheitsministeriums sagte dem Wall Street Journal, die Regierung sei offen für solche Optionen.

Befürworter der Steuer vergleichen den Kampf gegen zu viel Zucker mit dem gegen Tabak. Die Zuckerindustrie wehrt sich, sie hält beides für nicht vergleichbar.

Vergangenes Jahr hatte die Academy of Medical Royal Colleges Großbritannien zum "fetten Mann Europas" erklärt. Er empfahl eine Steuer von mindestens 20 Prozent einzuführen (PDF). Forscher der Universität Oxford haben berechnet, dass dank dieser Steuer die Zahl der Fettleibigen um 180 000 Menschen sinken würde, bei unter 30-Jährigen sei der Effekt noch größer. Dänemark und Ungarn hätten gute Erfahrungen mit der Steuer gemacht. Auch in Mexiko und Frankreich ist sie bereits in Kraft.

Als übergewichtig gelten Menschen, wenn ihr "Body Mass Index", berechnet aus Gewicht und Körpergröße, 25 übersteigt. Liegt er bei 30 oder höher, gelten Menschen als fettleibig.

Die Briten gewöhnten sich trotz der Gefahren langsam daran, in einer Gesellschaft der Übergewichtigen zu leben, befürchtet Davies. Sie verlören das Bewusstsein für das Problem: 77 Prozent der Eltern übergewichtiger Kinder wüssten nicht einmal, dass ihr Kind zu dick sei. Ein weiteres Zeichen sei, dass die Schaufensterpuppen größer würden, es käme zu einer "Größeninflation": Die auf dem Etikett aufgedruckte Größe ist dieselbe wie vor Jahrzehnten, die Kleidung tatsächlich aber größer geworden.

Zuckersteuern gab es in der Geschichte immer wieder, allerdings nicht als Strafsteuer gegen Hersteller, deren Produkte nach Meinung der Behörden die Gesundheit der Bevölkerung gefährdeten. Um die Staatskassen zu füllen, wurden Zuckerimporte besteuert, später auch der Kauf von Zuckerprodukten im Einzelhandel. In Deutschland existierte eine entsprechende Steuer bis 1993. Diabetes-Verbände und andere Verbraucherschützer hätten sie gerne aus gesundheitlichen Gründen zurück, in der vergangenen Legislaturperiode lehnte Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) sie aber ab. Auch wenn internationale Erhebungen schwer vergleichbar sind, gilt Deutschland neben Großbritannien als Land mit einer vergleichsweise hohen Rate an Übergewichtigen in Europa.