Kampf gegen Zucker Wie bei der Tabakindustrie

In einer Zuckerfabrik in Indien werden Zuckerwürfel hergestellt.

(Foto: Bloomberg)

Es reicht: Die Menschen essen zu viel Zucker, warnt die Weltgesundheitsorgansiation und halbiert die Empfehlung für die Tagesdosis. Vor allem in der Lebensmittelindustrie wird man das nicht gerne hören. Denn gesüßte Lebensmittel lassen sich einfach besser verkaufen - und die Kunden wissen meist gar nicht, wo sich Zucker überall versteckt.

Von Silvia Liebrich

Heute ist das kaum vorstellbar, doch Zucker war lange Zeit so kostbar, dass sich nur Adelige und reiche Bürger den Süßmacher leisten konnten. Auch Preußens Könige haben am weißen Gold prächtig verdient, mit einer Zuckersteuer. Vor gut 150 Jahren war sie einer der größten Einnahmeposten im Staatshaushalt. Kein Wunder, dass sich auch später keine Regierung davon trennen mochte. Eine abgespeckte Form der früheren Zuckersteuer wurde in Deutschland erst 1993 abgeschafft.

Doch nun werden erste Stimmen laut, die eine Zuckersteuer zurückfordern. Nicht weil der Staat dringend neue Einnahmequellen sucht, sondern aus ganz anderen Gründen. Eine Abgabe, auf die etwa Diabetesverbände schon länger pochen, soll helfen, den hohen Zuckerkonsum einzudämmen. Denn der Stoff, ohne den Kuchen, Schokolade und andere Leckereien ungenießbar wären, ist in Verruf geraten. Das einstige Luxusgut hat sich zu einem billigen Massenprodukt entwickelt.

Fünf statt zehn

Weltweit hat sich der Zuckerkonsum in den vergangenen fünf Jahrzehnten verdreifacht - und das hat Folgen. Zucker kann krank machen, warnen nicht nur Mediziner. Übergewicht und Herz-Kreislauf-Störungen, Diabetes, Karies, Krebs, ja sogar Alzheimer werden mit hohen Zuckerrationen in Verbindung gebracht. Nun schlägt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Alarm. Sie hat eine neue Richtlinie veröffentlicht, in der sie die maximal empfohlene Tagesration halbiert. Zucker soll demnach nur noch maximal fünf Prozent des täglichen Kalorienbedarfs eines Menschen abdecken. Bisher lag die empfohlene Höchstgrenze bei zehn Prozent.

Vor allem in der Lebensmittelindustrie wird man das nicht gerne hören. Die neue WHO-Regel könnte vielen Produzenten das Geschäft vermasseln. Zucker versüßt viele Nahrungsmittel, den Konsumenten schmeckt's - und das sorgt für hohe Umsätze und Gewinne. Der Süßmacher ist in fast allen Fertigprodukten zu finden. Sogar saure Gurken, Tütensuppen und Fischsnacks lassen sich so besser verkaufen. Ernährungsexperten kritisieren, dass vor allem Nahrungsmittel für Kinder viel zu süß seien. Sie sehen darin eine der Hauptursachen dafür, warum immer mehr Kinder zu viele Kilos auf die Waage bringen.

Intransparent und unverständlich

Die Zucker- und Lebensmittelindustrie spielt das Problem herunter und verweist darauf, dass der Pro-Kopf-Verbrauch der Deutschen seit Jahren im Schnitt unverändert bei 35 Kilogramm pro Jahr liege. Was sie nicht sagt, ist, dass damit nicht der gesamte Verbrauch erfasst wird. Es fehlen die versteckten Süßmacher. Diese Angaben wären jedoch wichtig, mehr als 80 Prozent der Zuckermenge, die jeder Einzelne zu sich nimmt, steckt in Fertigprodukten.

Wie viel Zucker genau in den Lebensmitteln enthalten ist, können Kunden im Supermarkt aber nur schwer erkennen, weil die Kennzeichnung auf der Verpackung intransparent und unverständlich ist. Verbraucherschützer monieren das. Bei einem Test im vergangenen Jahr fanden sie bis zu 70 verschiedene Süßmacher in Lebensmitteln, aber nicht alle werden in der Nährwerttabelle als Zucker angegeben. Viele Menschen essen deshalb vermutlich mehr Zucker, als ihnen bewusst ist.