CO2-Emission Europas schmutzigste Kraftwerke stehen in Deutschland

Das Braunkohlekraftwerk Jänschwalde ist das größte in Deutschland - und eines der klimaschädlichsten in ganz Europa.

(Foto: dpa)
  • Von den fünf europäischen Kraftwerken mit dem höchsten CO2-Ausstoß stehen vier in Deutschland. Das geht aus einer Analyse offizieller EU-Daten hervor.
  • Der Anteil der deutschen Braunkohlekraftwerke am europaweiten CO2-Ausstoß des Stromsektors liegt damit bei 13 Prozent.
  • Insgesamt sank dank des milden Winters der CO2-Ausstoß in Deutschland 2014 erstmals seit drei Jahren wieder.
Von Jan Willmroth

Der vergangene Dienstag war ein Tag für Rekorde: Orkantief "Niklas" riss auf seinem Weg über Deutschland nicht nur Bäume um und brachte den Bahnverkehr teilweise zum Erliegen - wegen des Sturms mussten auch etliche Windkraftanlagen im Norden der Republik abgeschaltet werden. Sie erzeugten durch die Orkanböen so viel Windstrom, dass dieser einfach nicht genug Platz im deutschen Stromnetz fand. Vor allem für die Höchstspannungsleitungen gen Süden wurde der Orkan so zur Belastungsprobe.

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Auf einen anderen Energieträger ist hingegen bei jedem Wetter Verlass: Braunkohle. Allerdings verursacht auch kein anderer Brennstoff im deutschen Energiemix mehr Kohlendioxidemissionen, wenn man ihn zur Stromerzeugung verbrennt. Vor allem seit der Abschaltung von acht Kernkraftwerken nach der Havarie der japanischen Meiler in Fukushima 2011 erlebt die Braunkohle eine Renaissance. Durch den vollständigen Atomausstieg bis 2022 müssen fossile Kraftwerke die wetterabhängige Ökostromerzeugung ausgleichen. Die Braunkohlekraftwerke laufen daher rund um die Uhr - trotz sinkenden Stromverbrauchs und des Ausbaus der erneuerbaren Energien.

Dabei gehören die deutschen Braunkohlekraftwerke zu den schmutzigsten in Europa. Wie eine Analyse der britischen Klimaschutzorganisation Sandbag auf Basis der offiziellen europäischen Emissionsdaten ergab, stehen vier der fünf Kraftwerke in Europa mit dem höchsten CO2-Ausstoß auf deutschem Boden.

Drei davon - Neurath, Niederaußem und Weisweiler - betreibt der RWE-Konzern. Platz vier belegt der schwedische Energiekonzern Vattenfall mit dem größten deutschen Kraftwerk Jänschwalde. Zum ersten Mal seit dem Start des EU-Emissionshandels 2005 sind damit vier deutsche Anlagen in den Top fünf.

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"Die Mehrheit der deutschen Braunkohlekraftwerke sind um zwei Drittel emissionsintensiver als selbst die effizientesten Steinkohlekraftwerke", sagt Sandbag-Analyst Dave Jones. "Das untergräbt nicht nur auf deutscher, sondern auf europäischer Ebene die CO2-Reduktion im Stromsektor."

Auf die deutsche Braunkohle entfallen damit etwa 13 Prozent der CO2-Emissionen im europäischen Stromsektor - 2010 waren es noch elf Prozent. Zudem sind die Emissionen aus Kraftwerken insgesamt rückläufig. Sie fielen europaweit seit 2010 um 13 Prozent - während sie in Deutschland weiter stiegen.

Unter dem Strich fielen aber auch in Deutschland im vergangenen Jahr weniger klimaschädliche Gase an. Dank des milden Winters seien die Kohlendioxid-Emissionen im Vergleich zu 2013 um 41 Millionen Tonnen gesunken, gaben Umweltbundesamt und Bundesumweltministerium in dieser Woche bekannt und beriefen sich dabei auf vorläufige Zahlen. Das entspricht einem Rückgang um 4,3 Prozent. Auch die Emissionen aus Braunkohlekraftwerken sanken dank der milden Temperaturen leicht. Bis 2020 soll der deutsche CO2-Ausstoß nach den Zielen der Bundesregierung um 40 Prozent gegenüber 1990 sinken. Aktuell liegt der Rückgang bei 27 Prozent.

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Braunkohle gefährdet die Klimaziele

Unter anderem bringt die Braunkohle also auch das Klimaziel der Regierung in Gefahr. Damit das Emissionsziel bis 2020 erreicht werden kann, brachte Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel zuletzt eine Strafabgabe für alte Kohlekraftwerke ins Spiel: Betreiber von mehr als 20 Jahre alten Kraftwerken sollen demnach eine Abgabe zahlen, m die Gesamtemissionen der rund 500 fossilen Kraftwerke bis 2020 um zusätzliche 22 Millionen Tonnen CO2 zu senken. Ein zugleich eingeführter Freibetrag sei aber so hoch, "dass im Ergebnis 90 Prozent der fossilen Stromerzeugung den Klimabeitrag nicht leisten müssen", heißt es in den Eckpunkten, die bis Sommer Gesetz werden sollen. Anfang der Woche hatte RWE gewarnt, die Gabriel-Pläne könnten das Aus für mindestens 30 000 Arbeitsplätze allein in der Braunkohle-Industrie bedeuten.

In Deutschland wurde im vergangenen Jahr nach Daten der AG Energiebilanzen 3,5 Prozent weniger Strom verbraucht, wobei der Anteil erneuerbarer Stromquellen am Energiemix von 25 auf mehr als 26 Prozent stieg. Erdgaskraftwerke lieferten zugleich elf Prozent weniger Strom, die Stromerzeugung aus Steinkohle sank um ein Zehntel - aus Braunkohlekraftwerken hingegen nur um etwas mehr als drei Prozent.

Bei der Verbrennung von Kohle entstehen nicht nur Treibhausgasemissionen - ohne technische Schutzvorrichtungen fallen Luftschadstoffe in erheblichen Umfang an, darunter Schwermetalle wie Quecksilber, Feinstäube und Stickstoffoxide. In modernen Kraftwerken wird die sogenannte Flugasche fast vollständig durch Filter abgetrennt. Auch das entstehende Schwefeldioxid trennen die Kraftwerksbetreiber mittels Rauchgasentschwefelung zu etwa 90 Prozent ab.

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