Boom fossiler Rohstoffe in Amerika Wie die neue US-Energiepolitik die Welt verändert

Rückwärtsgewandte Energiewende: Die USA erleben einen Öl- und Gasboom, wie es ihn seit 100 Jahren nicht mehr gegeben hat. Die Folgen der neuen Energiepolitik werden auch im Nahen Osten, in China und in Europa zu spüren sein.

Ein Kommentar von Nikolaus Piper, New York

Die USA setzen in der Zukunft stärker auf Öl und Gas statt auf regenerative Energien.

(Foto: AFP)

Manchmal gerinnt Geschichte zu einer simplen Statistik. Noch nicht lange ist es her, da löste China Amerika als größter Emittent von Treibhausgasen ab. Und jetzt sagt die Internationale Energie-Agentur zwei Dinge voraus: Erstens, dass die USA bereits 2020 der größte Ölproduzent der Welt sein werden. Und zweitens, dass von 2030 an Amerika mehr Öl ausführen wird, als es einführt. Die Energiepolitik der Welt, so wie man sie seit Jahrzehnten kennt, sieht damit plötzlich ganz anders aus.

Man sollte bei solchen Prognosen nicht auf jedes Detail wetten. Experten können sich irren, besonders was die Zukunft betrifft, und ein paar Rundungsfehler können sich zu gigantischen Beträgen addieren. Am prognostizierten Trend aber gibt es keinen Zweifel, der lässt sich bereits beobachten: Die USA erleben eine Energiewende ganz eigener Art. Sie basiert nicht auf Wind und Sonne, sondern auf fossilen Rohstoffen, auf einem Öl- und Gasboom, wie es ihn seit 100 Jahren nicht mehr gegeben hat. Allein in diesem Jahr hat das Land elf Prozent weniger Rohöl importiert als im gleichen Zeitraum 2011. Schon heute sind die USA der weltgrößte Produzent von Erdgas. Der Überfluss wird schon zum Problem: Die Preise für Gas sinken, einige Energiekonzerne kämpfen daher ums Überleben. North Dakota ist über Nacht zum Ölscheichtum geworden.

Die wirtschaftlichen, politischen und geopolitischen Folgen reichen weit. Zum Beispiel im Nahen Osten: Saudi-Arabien, Kuwait, Irak und andere Ölländer werden für die Supermacht weniger wichtig. Bereits heute kommen nur noch 20 Prozent aller Ölimporte der USA aus dem Nahen Osten, während China zu 50 Prozent von der Region abhängt. Das bedeutet nicht, dass sich Amerika militärisch völlig aus der Region zurückziehen wird. Die iranische Atombombe wäre auch dann brandgefährlich, wenn es dort kein Öl gäbe. Und im Interesse der internationalen Stabilität wird die US-Flotte weiter dafür sorgen müssen, dass die Meerenge von Hormus im Persischen Golf offen bleibt.

Ein stabiler Naher Osten? Für Asien heute wichtiger als für Amerika

Aber die direkte Verbindung zwischen Amerikas Energiehunger und dem militärischen Engagement gibt es nicht mehr. Blickt man nur auf das unmittelbare ökonomische Interesse, dann ist ein stabiler Naher Osten für Asien heute wichtiger als für Amerika. Deshalb wird die Opec, das Kartell der Öl-Exporteure, ihren Einfluss behalten - nur nicht mehr in Washington.

In der Klimapolitik wird Washington durch den neuen Reichtum nicht unbedingt zu einem einfacheren Partner werden. Präsident Barack Obama könnte zwar ohnehin kaum ein Klimagesetz von Relevanz durch das republikanisch beherrschte Repräsentantenhaus bringen. Doch nun fehlt ihm auch noch der Hebel, um Klimapolitik mit dem Argument der Energiesicherheit zu betreiben. Die Europäer sollten bei dem Thema vom alten und neuen Präsidenten daher nicht allzu viel erwarten.

Oft vergessen wird allerdings, dass die Treibhaus-Emissionen der USA heute schon sinken, und dies nicht nur wegen der schwachen Konjunktur. Strengere Standards für den Benzinverbrauch der Autos beginnen zu wirken, noch ehe sie in Kraft sind. Auch erneuerbare Energien spielen eine Rolle, wenn auch eine kleine. Vor allem aber ersetzt mehr und mehr billiges Erdgas die Steinkohle in den Elektrizitätswerken. Gas ist unter den fossilen Energieträgern derjenige, der im Verhältnis am wenigsten Kohlendioxid freisetzt.

Hier liegt auch ein schwer kalkulierbares Risiko für den neuen Boom: Das zusätzliche Gas kommt aus sogenannten unkonventionellen Reserven; es lagert in Schieferschichten, aus denen es mit der umstrittenen Methode des "Fracking" unter Einsatz von viel Wasser, Sand und Chemikalien gelöst werden muss. Besonders in den Bundesstaaten Pennsylvania und New York gibt es einen breiten Bürgerprotest gegen das Fracking - und fast alle der Protestierer haben Obama gewählt. Das macht die Position des Präsidenten nicht einfacher. Umweltproteste aber werden die Energiepolitik im besten Falle nur effizienter machen. An dem Boom selbst können sie nichts ändern, die Vorteile für das ganze Land sind zu groß.

Die Folgen von Amerikas Energiewende werden auch auf der anderen Seite des Atlantiks zu spüren sein. Theoretisch könnte zwar Europa vom billigen Erdgas aus den USA profitieren; die dazu notwendige Infrastruktur - Verflüssigungsanlagen und Flüssiggastanker - gibt es aber noch nicht in ausreichender Menge. Deshalb wird sich der Boom erst einmal als klassischer Wettbewerbsnachteil für Europa niederschlagen - besonders für die Exportnation Deutschland. In Amerika sinken die Kosten für Industriestrom, in Deutschland steigen sie. Der Partner Amerika wird zum neuen Konkurrenten.