Beatrice Weder di Mauro im Interview Der Zerfall der Euro-Zone

SZ: Die Euro-Zone soll sparen und wachsen, ist das möglich?

Weder di Mauro: Wir gehen in unseren Berechnungen von einem Nominalwachstum von drei Prozent aus, bei zwei Prozent Inflation. Das ist zu schaffen. Da der gesamte Entscheidungsprozess auf 25 Jahre angelegt ist, verläuft er nicht abrupt, der Tilgungsfonds ist ein Übergangspfad, der die Konsequenzen des Sparens abfedert. Das erzeugt Glaub- und damit neue Kreditwürdigkeit. Die Einführung der deutschen Schuldenbremse hat das gezeigt.

SZ: Auch bei Ihrem Rettungsplan würde Deutschland die größten Risiken tragen - mit Steuergeldern, Gold und den Devisenreserven als Sicherheit. Das ist den Menschen kaum noch zuzumuten.

Weder di Mauro: Gold und Devisenreserven braucht es nicht zwingend, es sind andere Sicherheiten möglich. Aber klar ist: Die Zinsen auf dem Anteil, den Deutschland einzahlt, werden sich leicht erhöhen. Wir sagen nicht, dass es gratis ist, aber es ist dafür eine endgültige Lösung, statt immer weiter nachzulegen.

SZ: Kanzlerin Angela Merkel geht auf Konfrontationskurs zu Ihrem Gremium. Sie hält die Idee in Europa praktisch für gar nicht umsetzbar. Ärgert Sie das?

Weder di Mauro: Nein, natürlich müssen die verfahrenstechnischen und verfassungstechnischen Fragen geprüft werden. Aber die Anzahl ernsthafter Lösungsmöglichkeiten, die überhaupt noch umsetzbar sind, ist klein. Und warum sollte der Tilgungspakt nicht, wie der EFSF, zwischen einzelnen Euro-Zone Regierungen vereinbart werden?

SZ: Weil die Spaltung in ein Euro-Europa und den Rest droht. Vor diesem Zerfall der EU warnt Kommissionspräsident José Manuel Barroso eindringlich.

Weder di Mauro: Der Währungsraum braucht nun mal strengere Schuldenregeln. Wenn die EU die nicht durchsetzen kann, müssen das die Länder der Euro-Zone für sich tun. Die Euro-Länder dürfen sich auch nicht aufhalten lassen, von denen, die Bedenken haben und nicht an einem Strang ziehen. Und was den Zerfall angeht: Der ist doch längst da.

SZ: Was meinen Sie?

Weder di Mauro: Zehn Jahre herrschte die Illusion, eine gemeinsame Währung sei auch ein gemeinsamer Raum. Nun tritt überall die nationale Sicht in den Vordergrund und die letzte Dekade ist wie ausgelöscht. Je länger die Krise dauert, desto schwieriger wird es, wieder Gemeinsamkeiten zu finden.

SZ: Die Schuldenkrise tobt jetzt schon seit fast zwei Jahren. Ein Ende ist nicht in Sicht. Brauchen wir ein neues globales Regime der Kontrolle der Finanzmärkte?

Weder di Mauro: An entscheidenden Stellen ist die bisherige Reform des Finanzsystems ungenügend. Noch immer gibt es weder in Europa, geschweige denn weltweit, ein Insolvenz- und Restrukturierungsregime für systemisch relevante Finanzinstitute. Und noch immer sind die Eigenkapitalpuffer zu dünn.

SZ: Banken müssen mit mehr Milliarden vorsorgen?

Weder di Mauro: Höhere Kapitalpolster schützen das System vor Schieflagen und Steuerzahler davor, einspringen zu müssen. Perspektivisch sollte die risikoungewichtete Eigenkapitalquote für systemrelevante Institute auf mindestens fünf Prozent angehoben werden. Zur Zeit haben große deutsche Banken im Schnitt weniger als zwei.

SZ: Sie selbst sind in einem Entwicklungsland aufgewachsen - im bürgerkriegsgeschüttelten Guatemala. Relativiert die Erfahrung manches Problem der Schuldenkrise?

Weder di Mauro: Das ist sicher ein Grund, weshalb ich Ökonomin wurde und über Finanz- und Schuldenkrisen geforscht habe. Lateinamerika hat viele Erfahrungen mit Schuldenkrisen. Die der 80er Jahre hat den Kontinent um mindestens ein Jahrzehnt zurückgeworfen. Das darf in Europa nicht geschehen.

SZ: Lucas Papedemos als griechischer Ministerpräsident, Mario Monti als italienischer Regierungschef - die internationale Politik erlebt die Rückkehr der Wirtschaftsfachleute in Schlüsselpositionen. Können Ökonomen wirklich die besseren Politiker sein?

Weder di Mauro: Es ist gut, wenn sich in Krisenzeiten Experten durchsetzen. Beide sind hoch erfahrene und international angesehene und gut vernetzte Ökonomen. Das sollte bei der Kommunikation mit den Finanzmärkten und den internationalen Institutionen hilfreich sein.

SZ: Klingt nach einer Bewerbung für den Politbetrieb . . .

Weder di Mauro: . . . so war es nicht gemeint. Ich bin an der Schnittstelle von Wissenschaft und Beratung sehr zufrieden.