Ein Kommentar von Hans-Jürgen Jakobs

Bittstellerei, das neue Geschäft: Die Fälle Arcandor und Porsche zeigen, wie der Staat für überhitzte Managerphantasien zahlen soll.

Leistung muss sich lohnen - das haben die Deutschen oft gehört. Das Sätzchen gilt als Leitparole der Marktwirtschaft. Viele Unternehmen des Landes übersetzen ihn inzwischen ganz anders: Staatsleistung muss sich lohnen.

Staatshilfe für Unternehmen, Collage: sueddeutsche.de

Großkonzerne in akuter Schieflage - und der Staat soll helfen. (© Collage: sueddeutsche.de, Fotos: ddp, AP, istock)

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Es gilt nicht mehr der Wettbewerb um den Kunden, das Aufspüren von Marktnischen - es gilt der Wettbewerb um Steuergelder, um Staatshilfen jeglicher Art. Zielgruppe sind Politiker, die um ein schlechtes Ergebnis bei der Bundestagswahl fürchten sowie überforderte Beamte, die jahrelang gehänselt wurden und nun die Retter der Nation sein sollen.

Zu verteilen sind in der Wirtschaftskrise viele Milliarden Euro. Damit sollen Jobs gerettet werden. Die regierenden Politiker, jahrelang aufs Konsolidieren der hochverschuldeten Haushalte eingeschworen, sind freigiebig geworden. Sie treibt das - löbliche - Unterfangen, in der abwärts trudelnden Konjunktur so viele Arbeitsplätze wie möglich zu retten. Doch sie wissen nicht, wie.

Die Unsicherheit nutzen vor allem Konzerne aus. Sie heißen Schaeffler, Arcandor oder Porsche. Sie waren einst auf ihren Gebieten und in ihrem Denken die Größten - und sind nun angeblich die Gefährdetsten. Auf einmal zählt nicht mehr Missmanagement und Misswirtschaft, auf einmal zählt nur der Kapitalbedarf. Wer die größten Fehler gemacht hat, wird mit den größten Geschenken belohnt. So sieht er aus, der neue Staatsleistungswettbewerb, der die Folgen alten Größenwahns vergessen machen soll.

Die schlanke Summe von 437 Millionen Euro hat zum Beispiel aktuell Arcandor als Kredit aus der staatlichen Rettungsbeihilfe beantragt - und zudem eine Staatsbürgschaft in Höhe von 650 Millionen Euro. So kommen auf den Steuerzahler summa summarum womöglich mehr als eine Milliarde Euro zu, nur, weil ein Unternehmen nicht wirtschaften kann. Und das schon seit langem nicht.

Arcandor, das ist jener Essener Konzern, der nicht mehr wie seine beiden Hauptunternehmen Karstadt-Quelle heißen darf, weil dies womöglich zu sehr an sechziger und siebziger Jahre erinnert. Ein Kunstname macht aber noch keinen Markterfolg. Lange vor der Weltwirtschaftskrise begann die Karstadt-Krise, und auch der zwischenzeitlich flamboyante Vorstandschef Thomas Middelhoff konnte daran nichts ändern. Er war nicht die Lösung des Problems, er war das Problem.

Zwar verkündete er, das Unternehmen habe wieder "festen Boden unter den Füßen" - doch das war ein Wunschbild. Middelhoff verkaufte einfach das Tafelsilber, also die Immobilien, brachte so Cash in die Kasse und sorgte zugleich für üppige Miet-Verpflichtungen. Zugleich investierte Arcandor ins Reisegeschäft und hält 50 Prozent an der profitablen Firma Thomas Cook, die man auch versilbern könnte, bevor man beim Staat vorstellig wird.

Den Illusionskünstler Middelhoff haben die nicht ganz unvermögenden Eigentümer - die Privatbank Sal. Oppenheim und die Fürther Milliardärin Madeleine Schickedanz - inzwischen durch den finanzsicheren Karl-Gerhard Eick ersetzt, der als Finanzvorstand der Deutschen Telekom viel Erfahrung im Umgang mit dem Bund gemacht hat. Der Bund ist Großaktionär bei der Telekom.

Eick also bleibt es vorbehalten, den Hit dieser Wirtschaftssaison anzustimmen: "Haste mal 'ne Milliarde?" So hat die Bild-Zeitung kürzlich groß zum neuen Wettbewerbsverhalten deutscher Manager getitelt. "Nach den Regularien der Rettungsbeihilfe kann dieser Kredit von der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) sehr kurzfristig genehmigt und auch ausgezahlt werden", heißt es in der offiziellen Mitteilung von Arcandor zur aktuellen Bittstellerei.

Zudem will das liquiditätsschwache Unternehmen über einen Warenhaus-Deal mit dem einzig verbliebenen Rivalen Metro verhandeln. Am Ende wird der Staat, wenn es so weiterläuft, bei den Kaufhäusern noch die Abschaffung des Wettbewerbs und die Schaffung eines Monopols prämieren. Soziale Marktwirtschaft sah einmal anders aus.

Sie hatte ihre Helden, ihre Idole. So einen wie Wendelin Wiedeking, der 1993 als Chef der Porsche AG begann und aus dem damals kriselnden Sportwagenhersteller einen florierenden Börsenstar machte. Nur: Irgendwann, wenn man mit Turbogeschwindigkeit über die Autobahn braust, glaubt man fliegen zu können - Wiedeking wollte sich den 30-mal größeren Volkswagen-Konzern einverleiben.

Der Mann kaufte vor den Augen der Eigentümer - der Familienclans Porsche und Piëch - munter für viele Milliarden VW-Aktien auf. Sein Finanzchef Holger Härter betrieb scheinbar erfolgreich Optionsgeschäfte, der Firmengewinn war auf einmal größer als der Umsatz - und Wiedeking stieg 2007 und 2008 mit einem Gesamteinkommen von vermutlich mehr als 150 Millionen Euro zur rentabelsten Ich-AG Deutschlands auf. Dann kam der Absturz, weil der VW-Angriff mit Großkrediten finanziert war und die Banken klemmten.

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