Amazons Gewinn bricht drastisch ein Sorgenkindle

Wer alles fressen will, verschluckt sich leicht. Amazon meldet einen dramatischen Gewinneinbruch. Im Weihnachtsgeschäft könnte der Onlinehändler sogar hohe Verluste machen - weil er mit dem neuen Tablet Kindle Fire vorerst kein Geld verdient. Hat Jeff Bezos sich mit seiner aggressiven Expansionsstrategie und dem Angriff auf Apple übernommen?

Endlich ein Angriff auf Apple, endlich ernsthafte Konkurrenz fürs iPad, und dann auch noch so billig. Als Amazon-Chef Jeff Bezos vor einem Monat den Tablet-PC Kindle Fire vorstellte, löste er damit Euphorie aus. Spätestens jetzt ist sie verflogen. Der Onlinehändler meldet, dass der Gewinn im dritten Quartal um mehr als 60 Millionen Dollar eingebrochen ist - das ist ein Minus von 73 Prozent.

Schlimmer noch klingt die Warnung fürs Weihnachtsgeschäft: Im vierten Quartal könnte schlimmstenfalls ein Verlust von operativ bis zu 200 Millionen Dollar entstehen.

Im Vorjahreszeitraum hatte Amazon noch fast viermal so viel verdient. Bezos pumpt massiv Geld in den Ausbau seines Geschäfts: in neue Versandzentren, mehr Werbung oder in die Entwicklung neuer Produkte.

Analysten wussten zwar um Amazons kostspieligen Wachstumsdrang. Doch sie hatten nicht mit einem derartigen Einbruch gerechnet. Anleger reagierten, indem sie Amazon-Papiere abstießen. Nachbörslich stürzte die Aktien um 14 Prozent ab. Bereits im regulären Handel war der Kurs um mehr als vier Prozent zurückgegangen.

Der Gewinneinbruch wirft die Frage auf: Übernimmt sich Amazon mit seinen Investitionen? Aggressiv baut Bezos den ehemals reinen Online-Buchhändler aus und nimmt dafür viel Geld in die Hand: Auf der einen Seite will Amazon die Nummer eins im Onlinehandel bleiben. Dafür setzt das Unternehmen auch auf Kampfpreise. Auf der anderen Seite entwickelt es sich immer mehr zum Anbieter von Inhalten wie Filmen und Musik. Damit, und mit dem Billig-Tablet Kindle Fire, ist Amazon zu einem der schärfsten Rivalen Apples geworden. Mit der Expansion in neue Branchen wird Amazon zum "Allesfresser". In und um den Firmensitz in Seattle liefert das Unternehmen mittlerweile sogar Gemüse nach Hause.

Die Vorstöße führten zu rasantem Wachstum. Im dritten Quartal stieg der Umsatz um 44 Prozent auf 10,9 Milliarden Dollar. Damit konnte Amazon zum wiederholten Male den Rivalen Ebay abhängen, der vor allem dank seines Bezahldienstes PayPal um 32 Prozent zulegte.

Die Kehrseite des Wachstums ist jedoch eine schwindende Gewinnmarge. Von jedem eingenommenen Dollar blieb zuletzt gerade noch ein halber Cent hängen. Geld wolle Amazon erst später mit Inhalten wie Büchern oder Filmen verdienen, die Kunden sich gegen Bezahlung auf das Gerät laden.

Experten haben Amazons klassischen E-Book-Reader Kindle und das neue Kindle Fire auseinandergenommen und haben die Bauteile analysiert: Sie halten es für wahrscheinlich, dass bei beiden die Herstellungskosten über dem Verkaufspreis liegen.

Der Kindle Fire kostet mit 199 Dollar nicht mal halb so viel wie ein iPad von Apple, hat allerdings auch einen kleineren Bildschirm. Das einfachste Kindle-Lesegerät mit Schwarzweißbildschirm für elektronische Bücher gibt es schon für 79 Dollar.

Firmenchef Bezos hofft weiter, dass sich die großen Investitionen lohnen, Kindles und Inhalte mittelfristig genug Geld in die Konzernkasse spülen. Nach seinen Worten kommen die neuen Kindle-Modelle bei den Kunden bestens an. Für den einfachen Kindle seien schon doppelt so viele Bestellungen eingegangen wie für das Vorgängermodell bei dessen Premiere, sagte Bezos. "Und auf Basis der Vorbestellungen, die wir beim Kindle Fire sehen, stocken wir unsere Kapazitäten auf und bauen Millionen mehr als wir ohnehin geplant hatten." Der Kindle Fire wird in den USA ab 15. November ausgeliefert.

Linktipp: Die rasante Expansion Amazons unter Jeff Bezos hat das US-Magazin Business Week beleuchtet - unter dem Titel "Die Firma, die die Welt auffraß".

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