Mehr Fleisch essen? Oder weniger? Muss die Landwirtschaft sich mehr ums Klima sorgen? Oder doch nicht? Agrarministerin Aigner sorgt für Durcheinander.
Ilse Aigner ist engagiert. So engagiert, dass es zuletzt ein wenig drunter und drüber ging bei den Meldungen der Landwirtschaftsministerin zum Thema Klimaschutz: "Aigner empfiehlt Verzicht auf zu viel Fleisch", hieß es Ende Dezember.
Ilse Aigner: "Wir wollen die globale Diskussion um den Klimawandel herunterbrechen auf die einzelnen Nationen" (© Foto: dpa)
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Und wenige Tage später: Die Ministerin halte nichts von Empfehlungen, weniger Fleisch zu essen. Anfang dieser Woche wurde gemeldet: "Aigner gegen gesetzliche Klimaschutz-Auflagen für die Landwirtschaft". Und am Freitag: "Aigner kündigt weitere Klimaschutz-Auflagen für die Landwirtschaft an". Was soll man da noch glauben?
An diesem Samstag wird die CSU-Politikerin Gelegenheit haben, ihre Positionen klarzustellen. Auf dem zweiten Berliner Agrarministergipfel wird Aigner das Thema Landwirtschaft und Klimaschutz mit Politikern aus mehr als 50 Ländern diskutieren. Die Teilnehmer der Konferenz vertreten mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung. "Wir wollen die globale Diskussion um den Klimawandel herunterbrechen auf die einzelnen Nationen", sagt Aigner im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung.
"Die Teilnehmer sollen die Konferenz mit einem klaren Ziel verlassen. Jeder soll in seinem Land konkrete Maßnahmen definieren, wie er die Landwirtschaft so umgestalten kann, dass sie mit den gewandelten Bedingungen zurechtkommt und zudem das Klima schont." Denn eines stehe fest: "Die Landwirtschaft ist nicht nur Opfer, sie ist auch einer der Verursacher der Erderwärmung", räumt Aigner ein.
Auflagen zur Verringerung klimaschädlicher Emissionen
In den vergangenen Tagen hatte die Ministerin Umweltschützer verärgert mit der Aussage, die deutsche Landwirtschaft sei nur für sechs Prozent der CO2-Emissionen verantwortlich. Tatsächlich seien es zwischen 13 und 16 Prozent, sagen sie und werfen der Ministerin Verharmlosung vor. Doch Aigner nimmt das Thema sehr wohl ernst. Am Freitag kündigte sie für die deutsche Landwirtschaft weitere Auflagen zur Verringerung klimaschädlicher Emissionen an. Von dem Agrarministergipfel am Wochenende erhofft sie sich, dass in Berlin fortgesetzt werde, was in Kopenhagen nicht zu Ende gebracht worden sei.
"Wir müssen Synergieeffekte nutzen. Dazu wurde bereits in Kopenhagen eine globale Forschungsallianz speziell für die Landwirtschaft gegründet, die den Wissenstransfer in die Praxis verbessert", sagt sie. "Mit dem Ergebnis von Berlin wollen wir nun eine politische Allianz bilden und den Startpunkt für ein internationales Arbeitsprogramm zur Landwirtschaft setzen, das in den Prozess der Vertragsstaaten-Konferenz zur Klimakonvention einfließen kann."
Nach Ansicht vieler Experten ist aus Klimaschutzgründen eine stärkere Ausrichtung auf eine ökologische Landwirtschaft erforderlich. Weniger Pestizide, weniger Dünger und vor allem weniger Massentierhaltung - all das würde den Ausstoß von Klimagasen reduzieren.
Doch Aigner ist skeptisch. "Die Weltbevölkerung wächst rapide", sagt sie. In den kommenden vier Jahrzehnten müsse die Produktion von Nahrungsmitteln um 70 Prozent gesteigert werden. "Fest steht: Wir werden die Welt nicht allein mit Bioprodukten ernähren können." Flächen, auf denen ökologisch produziert werde, seien häufig weniger ertragreich und die Treibhausgas-Emissionen pro Liter Milch höher. "Wir brauchen beides: konventionellen Anbau und Bio", sagt Aigner.
Hoffnung auf die Forschung
"Nur so werden wir die Herausforderungen der Zukunft meistern können." Dabei setzt sie auch große Hoffnungen auf die Forschung - sowohl was die traditionelle Züchtung angeht als auch moderne molekularbiologische Verfahren: "Wir brauchen Pflanzen, die trotz salziger Böden und Trockenheit gedeihen. Zwar hat die erste Generation der Gentechnik hier keine Erfolge vorzuweisen, aber wir müssen weiterforschen. Schon allein, weil man nie weiß, was am Ende dabei rauskommt."
Auch Verbraucher könnten zum Klimaschutz beitragen. "Das fängt beim Einkauf an", sagt Aigner. "Erstens sollte man nie mehr kaufen als man benötigt. Denn jede Gurke oder jedes Stück Fleisch, das im Müll landet, hat unnötig Klimagase verursacht." Zudem sollten die Verbraucher sich verstärkt mit saisonalen Produkten ernähren. "Wir brauchen nicht das ganze Jahr über Erdbeeren und Spargel", sagt die Ministerin. Und schließlich solle man zu regionalen Produkten greifen. "Wer sich eine Banane aus Chile einfliegen lässt, und sei es auch eine Bio-Banane, der handelt nicht nachhaltig."
Letztlich ist Aigner aber dagegen, Vorschriften aufzustellen. "Der Verbraucher muss entscheiden, was er isst", sagt die Ministerin auf dem traditionellen Eröffnungsrundgang über die Internationale Grüne Woche in Berlin. Ihr selbst blieb zumindest an diesem Freitagmorgen wenig Entscheidungsfreiheit. 26 Stände in vier Stunden besuchte sie gemeinsam mit dem Präsidenten des Deutschen Bauernverbandes, Gerd Sonnleitner, und Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit.
An jedem Stand gab es freundliche Worte, allerlei Leckereien aus verschiedenen Ländern und natürlich einen Begrüßungstrunk: Wein, Sekt, Bier, Cognac, Likör, Wodka. "Herr Wowereit, schauen wir mal, wer die bessere Kondition hat", hatte Aigner den Bürgermeister herausgefordert. Den ersten Schnaps gab es früh um zehn nach acht.
Betrunken sei sie nicht, ließ Aigner später Journalisten wissen. Nur nippen, war ihre Strategie. Der Stand ihrer bayerischen Heimat kam Aigner besonders entgegen. Zwar warteten dort die fränkische Weinkönigin und die bayerische Bierkönigin auf die Ministerin. Doch während ihre Begleiter zum Weizenbier griffen, entschied sich Aigner zuerst für einen Schluck Milch.
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(SZ vom 16.01.2010/hgn)
Die von der Welternährungsorganisation FAO veröffentlichte Studie "Der lange Schatten der Tierzucht" macht deutlich, wie sehr der Konsum von Fleisch und anderen Tierprodukten (Milch, Käse, Wolle etc.) Klima und Umwelt schädigt. Eine einzige Milchkuh produziert laut der Umweltorganisation WWF pro Jahr soviel Treibhausgase wie ein PKW mit einer Fahrleistung von 18.000 Kilometern. (Anmerkung: In den Mägen von Wiederkäuern entsteht durch Verdauungsprozesse Methangas, und zwar 75 Kilogramm pro Tier und Jahr. Insgesamt werden dadurch über 112 Millionen Tonnen des Gases emittiert, das eine 23-mal größere Treibhauswirkung hat als CO2. Hinzu kommen pro Jahr 2,4 Milliarden Tonnen CO2 durch die Rodung von Wäldern für Weiden und Ackerland für Futtermittelanbau.) Laut FAO-Studie erzeugt die weltweite "Viehwirtschaft" 18,3 Prozent aller Treibhaus-Emissionen. Das ist mehr, als weltweit der gesamte Verkehr erzeugt, der etwa mit 14 Prozent zu Buche schlägt. In der Studie sind alle "Nutztiere" sowie der industrialisierte Getreideanbau für Futtermittel berücksichtigt. In Deutschland entfallen knapp zehn Prozent aller Emissionen auf den Agrarsektor! Die Ernährung eines Fleischessers verursacht laut IÖW-Studie so hohe Emissionen wie eine Fahrt von 4.758 Kilometern mit einem kleinen BMW. Ernährt man sich ausschließlich von Bioprodukten, kommt man auf 4.377 Kilometer, ein Vegetarier kommt auf rund 2150 Kilometer und ein Veganer auf 629 Kilometer. (Ein Veganer, der nur Bioprodukte isst, kommt auf 281 Kilometer.) Also auch das, was täglich auf dem Teller liegt, spielt eine Rolle bei der persönlichen "CO2-Bilanz".
Liebe Frau Aigner,
Frau Staatsministerin.
Bananen wachsen ggf. überall speziell aber auch in Equador, nur nach Deutschland kommen keine aus Chile, da sie hier schlecht angebaut werden können. Paltas (Avocados), Lachs (Salmon), Wein (Tinto) und viele gute Lebensmittel in bester Qualität gibt es dort. Reisen Sie hin, sie werden Ihre Freude haben, überzeugen Sie sich selbst. Chile freut sich sicher wenn "Sie" kommen, dies auch lieber als Produkte nachzuschicken, aber bauen Sie halt in Bayern Banane an, da gibt es sicher Subventionen von Europa.
Dank für die indirekte Werbung.
Ist Ilse Aigner der SZ schon zu populär, weil von der falschen Partei? Anders kann man sich die konzertierten mit herabsetzenden Adjektiven gespickten Artikel über sie von Bilger & Kuhr in den letzten Tagen kaum erklären.
Macht nichts. Mir gefällt sie trotzdem. Wo findet man schon eine Frau, die Antennen bauen und Hubschrauber reparieren kann, sich ohne Hochschulstudium in den vergagenen Jahren einen exzellenten Ruf als kompetente Forschungspolitikerin - auch auf eurpoäischer Ebene - erarbeitet hat und außer dem schlicht und einfach einen netten Eindruck macht.
Die Kampagne wird wohl nicht verfangen. Hoffe ich.