Abgasskandal Dieser Lobbyverein ließ Affen Dieselabgase einatmen

Zehn Javaner-Affen (hier ein Artgenosse in einem thailändischen Nationalpark) mussten Diesel-Abgase einatmen.

(Foto: imago/Nature Picture Library)
  • Die von der Autoindustrie finanzierte Forschungseinrichtung, die Affen Dieselabgase einatmen ließ, war ein Lobbyisten-Verein mit wissenschaftlicher Fassade.
  • Dokumente zeigen, wie der Verein den Dieselmotor anpries und Umweltprobleme weitgehend ignorierte.
  • Die Autokonzerne distanzieren sich nun von den Tests und der Forschungseinrichtung.
Von Stefanie Dodt, Max Hägler und Klaus Ott

Der Verein: Mitte 2017 stillschweigend aufgelöst. Die Internetseite der Forschungseinrichtung: längst abgeschaltet. Die deutsche Autoindustrie will nichts mehr zu tun haben mit der von ihr zehn Jahre lang betriebenen Europäischen Forschungsvereinigung für Umwelt und Gesundheit im Transportsektor (EUGT). Einem Verein, der Affen Dieselabgase einatmen ließ.

2013 hatte die Forschungseinrichtung den Tierversuch beim Lovelace Respiratory Research Institute (LRRI) im US-Bundesstaat New Mexiko in Auftrag gegeben. Ein Versuch der beweisen sollte, dass Dieselabgase harmlos seien. BMW, Daimler und VW hatten den Verein 2007 zusammen mit dem Autozulieferer Bosch gegründet (Bosch war 2013 wieder ausgestiegen). Jetzt sagt der Autokonzern Daimler: "Wir distanzieren uns ausdrücklich von der Studie des LRRI und der EUGT." VW erklärt: "Der Volkswagen Konzern distanziert sich klar von allen Formen der Tierquälerei." Auch BMW lässt wissen, dass man Tierversuche verurteile.

Die Erkenntnis, mit dem Forschungsverein und dem Affentest auf dem falschen Weg gewesen zu sein, kommt spät. Dazu brauchte es erst die Abgasaffäre, die systematisch geschönte oder gar manipulierte Schadstoffwerte bei Diesel-Fahrzeugen aufdeckte. Und nunmehr die öffentliche Aufregung um den jetzt bekannt gewordenen Tierversuch in den USA, den Niedersachsens Ministerpräsident und VW-Aufsichtsratsmitglied Stephan Weil (SPD) am Sonntag als "widerlich und absurd" bezeichnete.

In einem solchen Käfig saßen die Affen, als sie die Dieselabgase einatmeten. Das Bild stammt aus einer Studie der Forschungseinrichtung.

(Foto: EUGT)

Von dem Affentest mit einem VW-Beetle wussten in dem Verein alle. In einem EUGT-Report über die Arbeit der Jahre 2012 bis 2015 werden "mehrstündige Inhalationsversuche mit Affen" offen beschrieben. Der Versuch erfolge "mit direkten Dieselabgasen aus den Fahrzeugmotoren". heißt es in dem Bericht. Der Schwerpunkt der Studie liege auf den Kurzzeitwirkungen der Abgase auf die Lunge und das Herz-Kreislaufsystem. Einwände gegen den Affentest gab es damals keine, jedenfalls ist davon nichts zu lesen in dem EUGT-Report.

Im Vorstand des Forschungsvereins saßen Manager von BMW, Daimler und Volkswagen, und auch ein Vertreter der Frankfurter Flughafengesellschaft Fraport. Den Forschungsbeirat bildeten sieben Professoren und Doktoren, angeführt von Prof. Dr. Helmut Greim von der TU München. Das offizielle Ziel lautete, die Auswirkungen des Verkehrs auf Menschen und Umwelt vorurteilsfrei zu untersuchen und zu dokumentieren. Dafür würde sogar Albert Einstein bemüht, mit dem Zitat: "Es ist schwieriger, eine vorgefasste Meinung zu zertrümmern als ein Atom".

Bei genauer Betrachtung erweist sich der vermeintliche Forschungsverein aber als etwas ganz anderes. Vielmehr handelte es sich um eine Lobbyisten-Truppe mit wissenschaftlicher Fassade. Deutlich wird das beispielsweise in einem Newsletter vom Juni 2013 (PDF), in dem der Dieselantrieb als "Motor des Fortschritts" gefeiert wird. Der Diesel-Pkw werde Benzinern beim CO₂-Ausstoss und beim Kraftstoffverbrauch "auch in Zukunft ... überlegen sein", heißt es. Garniert ist der Newsletter dann noch mit jener Patent-Urkunde, die der Ingenieur Rudolf Diesel für seine Erfindung 1893 vom Kaiserlichen Patentamt in Berlin erhielt.