Tierversuche VW testete Diesel-Abgase an Affen

VW hat in den USA Abgastests an Affen durchgeführt - mit zweifelhaftem Nutzen.

(Foto: dpa)

Die Primaten mussten bei Versuchen in den USA die Autoabgase des VW Beetle einatmen - angeblich ohne Schaden für die Tiere.

Von Hanno Charisius, Max Hägler und Klaus Ott

Es ist eine bizarre Versuchsanordnung: Zehn Affen wurden in eine Kammer gesperrt. Aus einer Öffnung bekamen sie Luft zum Atmen, genauer gesagt: Abgasluft von einem VW Beetle. Zur Beruhigung durften sie Cartoons anschauen. Dieses Experiment im Jahr 2014 in einem Labor im US-amerikanischen Albuquerque sollte zeigen, dass die Weltgesundheitsorganisation irrt, die ein Jahr zuvor erklärte hatte, Dieselabgase seien krebserregend. Was in den US-Gerichtsakten zu finden ist, die der Süddeutschen Zeitung vorliegen und zuerst von der New York Times veröffentlicht wurden, wirkt absonderlich. Insbesondere, wenn man bedenkt, was im Herbst 2015 aufflog: VW hatte viele Abgaswerte gefälscht.

Der Wolfsburger Konzern bestreitet das Experiment nicht. Wobei es nicht alleine eine VW-Angelegenheit war. Organisiert wurde der Versuch von der "Europäischen Forschungsvereinigung für Umwelt und Gesundheit im Transportsektor" (EUGT). Diese Institution wurde 2007 von BMW, Daimler, Volkswagen und Bosch gegründet und hat nach VW-Angaben den Auftrag für diese Affen-Studie an das US-Institut Lovelace Respiratory Research Institute erteilt. Das offizielle Ziel des EUGT lautete, die Auswirkungen von Schadstoffemissionen auf die Gesundheit zu erforschen und "Wege zu finden, mögliche gesundheitliche Folgen zu vermeiden". Manchmal agierte der Zusammenschluss aber eher wie ein Lobbyverband für Dieselautos.

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So ist beispielsweise ein Newsletter vom Juni 2013 betitelt mit: "Der Dieselmotor: Motor des Fortschritts". Der damalige Vizechef des Vereins, Hans-Jürgen Schäfer, zweifelte vorliegende Untersuchungsergebnisse an und forderte "realitätsnähere Forschungsergebnisse". Schäfer schrieb, es gebe zwar eine Vielzahl von Studien zu den Folgen von Dieselabgasen für Umwelt und Gesundheit. Diese Studien lieferten aber "keine sicheren Erkenntnisse". Die meisten Basisdaten seien veraltet und ließen vor allem die Innovationen der vergangenen 15 Jahre unberücksichtigt. "Damit verlieren diese Ergebnisse an Wert."

Zu diesem Zeitpunkt gab es in der Autoindustrie aber schon längst Erkenntnisse über die hohe Schadstoffwerte in den Innenstädten, etwa in Stuttgart. Das hielt den Verein aber nicht davon ab, sich für den angeblichen "Clean Diesel" einzusetzen und zu verkünden: "Die Perspektiven für die Reduktion von Stickoxiden sind gut." Der hohen Stickoxidausstoß von Dieselfahrzeugen war es dann aber, der 2015 zur Abgasaffäre führte. Was den von den deutschen Autokonzernen getragenen Verein nicht davon abhielt, an Ostern 2016 "gute Erholung und allseits gute Luft" zu wünschen. Den Affen in Amerika dürfte das nicht gegolten haben.

Bei BMW und Daimler dementiert man nicht, dass eigene Leute im Verein von dem Test mit den Affen wussten. Wobei es nun heißt: Man verurteile solche Tierversuche. Das EUGT befindet sich übrigens seit 2017 in Abwicklung; Bosch ist bereits 2013 ausgestiegen.

Den meisten Fragen könne man auch durch andere Versuche nachgehen

Tobias Stöger erforscht am Helmholtz-Zentrum, wie sich Stoffe und Partikel in der Lunge verhalten und welche Auswirkungen das auf den Organismus hat. "Es ist das erste Mal, dass ich höre, dass solche Expositionsversuche an Affen gemacht wurden." Und er kann auch nicht nachvollziehen, wozu das notwendig sein sollte. Dazu müsse er wissen, was die Forscher in den USA genau herausfinden sollten.

Den meisten Fragen könne man auch durch Versuche mit anderen Tieren wie etwa Ratten nachgehen oder auch mit Menschen. So habe es sogar Versuche gegeben, in denen junge Menschen sehr stark verdünnte Dieselabgase in die Atemluft gemischt bekommen hatten. Die Forscher untersuchten, wie der Körper darauf reagiert, wie die Substanzen auf das Herz wirken, auf die Blutgefäße und die Durchblutung. "Der Körper reagiert sehr schnell auf solche Einflüsse, innerhalb von Minuten."

Sein Kollege Joachim Heinrich, bis zu seiner Pensionierung 2014 Leiter des Helmholtz-Instituts für Epidemiologie, sagt: "Die tierethischen Bedenken sind so groß, dass man diese Tiere in Deutschland bereits seit mindestens 15 Jahren nicht mehr zur Untersuchung solcher Fragen heran ziehen würde."

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