Leben ohne Alkohol Na dann, prost!

Unser Autor trinkt nur Wasser und Fanta, auch wenn alle andere schon lallen. Wie das geht, ohne sozial auffallend zu werden? Ein paar nüchterne Gedanken zum Rausch.

Von Roman Deininger

Ich habe ein Alkoholproblem. Es gibt eine schöne Szene, die veranschaulicht mein Problem ganz gut. Die Szene wiederholt sich alle paar Jahre mit großer Verlässlichkeit. Auf gewisse Weise wird sie jedes Mal schöner.

Ich komme mit dem Auto in eine Verkehrskontrolle. Bremsen, Fenster runter, der Polizist sagt: "Führerschein und Fahrzeugschein, bitte." Bis dahin läuft es meistens recht gut. Dann fragt der Polizist: "Wann haben Sie zuletzt etwas getrunken?" Und ich sage: "Juni 1996." Der Polizist sagt dann wirklich immer: "Mal aussteigen, bitte."

Wenn die Wahrheit ist, dass man keinen Alkohol trinkt, also keinen Schluck, und das seit Juni 1996 - dann kann dieses Land mit der Wahrheit nicht umgehen. Die Deutschen trinken, wenn es etwas zu feiern gibt, sie trinken, wenn es etwas zu trauern gibt, und sie trinken auch, wenn einfach mal gar nichts los ist. Was sich viele nicht vorstellen können: Mit dem Nicht-Trinken verhält es sich ganz genauso.

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Wenn man Alkohol meidet, ist man oft eine ziemliche Enttäuschung für seine Mitmenschen. Gehen wir noch was trinken? Das klingt wie ein Versprechen. Gehen wir noch ein stilles Wasser trinken? Das klingt, als sollte man besser sofort nach Hause.

Enttäuschung ist gern an falsche Erwartung gekoppelt. Kommt man etwa aus Bayern, erwarten die Leute praktisch weltweit, dass man bestimmte Dinge gut findet, vor allem Bier, Lederhosen und Horst Seehofer. Das führt dazu, dass amerikanische Freunde durch halb Philadelphia fahren, um für den Gast eine Flasche Erdinger zu besorgen, zum deutschen Preis eines Volksfest-Fasses. Einem eigentlich harmlosen Satz wohnt dann gewaltige Grausamkeit inne: "Oh danke, das ist sehr nett, aber ich bleibe beim Wasser." Der Satz verfehlt auch nie seine Wirkung, wenn irgendwer "eine gute Flasche Wein für eine besondere Gelegenheit aufgehoben" hat oder noch besser "für einen besonderen Menschen". Dann kann der Abstinente nur noch die Einnahme von Antibiotika vorschützen ("Mandelentzündung") oder aus dem Klofenster flüchten.

Wer nicht saufen kann, macht alles komplizierter

Die Enttäuschung hat einen noch viel heikleren Bruder, der ist das Misstrauen. Das Misstrauen begegnet einem überall, schwerpunktmäßig aber bei Frauen und Politikern. Frauen vermuten sinistre Masterpläne, wenn sie beim Date irgendwann realisieren, dass sie gerade den dritten Weißwein kübeln und der Kerl den dritten Spezi. Politiker wittern durchtriebene Recherchemethoden, wenn ein Journalist sich abends an der Bar oder in der Schwarzwaldstube pegeltechnisch nicht um ein Gleichgewicht des Schreckens bemüht. Dann ist es noch gut gelaufen, wenn ein ehemaliger Ministerpräsident den Reporter beim nächsten Mal so vorstellt: "Trinkt nix, sonst in Ordnung." Als Nicht-Trinker in die Medien zu gehen ist in der Tat eine originelle Idee. Das weiß man, seit man als Hospitant bei einer großen Tageszeitung, die nicht in München sitzt, den Feierabend-Schnaps verweigerte. "Saufen", riet einem da ein sehr erfahrener und sehr leitender Kollege, "sollten Sie in diesem Beruf aber schon können." Das war übrigens nicht 1955, sondern 2005.

Es ist schon so: Wer nicht saufen kann, verkompliziert das Leben derer, die es können, und natürlich auch sein eigenes. Ständig muss man höllisch aufpassen, zum Beispiel, dass man beim Anstoßen mit seinem klobigen Colaglas nicht die zarten Weinkelche der anderen zerdeppert. Oder dass man nicht als schrecklicher Geizkragen rüberkommt, wenn man die Rechnung mal nicht einfach durch vier teilen will - nur weil drei Leute Wein für 100 Euro hatten und einer Wasser für fünf.

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Wer in diesem Land ein Wasser bestellt, den schauen die Kellner an, als hätte er gesagt: "Ich habe heute meinen Job verloren, und die Syphilis geht auch nicht weg." Und Wasser ist ja noch vergleichsweise salonfähig. Ein S-Bahnsteig um Mitternacht, alle anderen haben ein Bier in der Hand, man selbst eine Fanta. Eine aparte Frau mittleren Alters nähert sich, man will jetzt grundsätzlich eher gewürdigt werden als missachtet. Die Frau fixiert die Flasche, ungläubig, belustigt. Im Vorbeigehen guckt sie einen unverschämt mitleidig an, und man fühlt sich genötigt zu rufen: "Man wird doch auch als erwachsener Mann mal eine Fanta trinken dürfen!" Die Frau dreht sich um, leider tut sie das mit einer Grandezza, als wäre das jetzt ein Filmset und sie der Star, und sie sagt: "Darf man nicht."

Natürlich darf man, Madame, aber es gibt schon eine ernste Frage, die allzeit im Raum steht wie ein fetter Riesenelefant in einer dieser Fotokabinen: warum? Warum trinkst du nichts? Die Erfahrung zeigt: Je dramatischer die Antwort, desto größer das Verständnis. Einer der herrlichsten Aspekte des Abstinentenlebens ist, sich immer neue Suchtgeschichten auszudenken: in der Entzugsklinik jeden Tag acht Schachteln Mon Chérie gefressen, bei dm Rasierwasser geklaut und auf Ex ausgesoffen, jetzt endlich trocken. Das akzeptieren die Leute, notfalls auch, dass Alkohol schlecht für die Haut ist. Was sie eher nicht so akzeptieren, ist die Wahrheit: Mir schmeckt einfach nichts, kein Bier, kein Wein, kein Schnaps. Das reicht den Leuten nicht, sie sagen: "Irgendwas Religiöses? Du musst nicht drüber reden."

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