Kosmetik Verkohlt uns die Kosmetikbranche?

Die Kosmetikbranche schwört auf Aktivkohle - auch in Gesichtsmasken.

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Immer mehr Hersteller vertrauen auf Aktivkohle - sie soll Schmutz und Öl aus den Poren ziehen. Was taugen die neuen Produkte?

Von Christina Berndt

Schwarz soll ja mal als Gegenkonzept zum Thema Sauberkeit gehandelt worden sein. Das ist lange her. Das war vor der Zeitenwende zum aktuellen Kontrapunkt-Kult, bei dem man mit Anti-Statements immer positiv auffällt. Tatsächlich gilt Schwarz gerade als Supersaubermacher, von innen wie von außen. Pechschwarze Seifen, Cremes, Masken, Reiniger, Deos, Detox-Produkte und sogar Zahnpasten füllen die Drogeriemarktregale. Wer die Sache besonders ernst nimmt, kippt sich schwarze Smoothies herunter.

So antiintuitiv reinigendes Schwarz auch ist: Ganz unlogisch ist die Angelegenheit nicht. Denn die gewöhnungsbedürftige Farbe der Produkte stammt von der beigefügten Kohle. Nun ist es kein Geheimnis, dass Aktivkohle Schmutz und Gifte binden kann. Und zwar - wegen ihrer extrem porösen und damit riesigen Oberfläche - jede Menge davon.

Angst davor, dass man sich mit dem ungesund anmutenden Zeugs akut vergiftet, muss man ohnehin nicht haben. Schließlich werden Kohletabletten seit Urzeiten in der Notaufnahme zur Behandlung von Vergiftungen eingesetzt und in Kläranlagen zur Wasserreinigung. Auch Biere, Fruchtsäfte und Suppenwürze werden mit Aktivkohle gereinigt.

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Schwarze Kosmetik gehört ebenfalls seit eh und je zum Menschen dazu. Schon in der Antike nutzten Frauen und Männer Kohle, um ihre Augen zu betonen. Nofretetes und Tut-anch-Amuns kräftige Kajalstriche sind legendär. "Der Gebrauch von Kohle in Kosmetikprodukten ist sehr alt", sagte Jean-Claude Le Joliff, Gründer des französischen Kosmetik-Blogs Cosmétothèque der Marie Claire.

Für die Sauberkeit der Haut finden sich Joliff zufolge die ersten Belege bei dem französischen Arzt Jean Giraudeau de Saint-Gervais. Er kam schon im frühen 19. Jahrhundert auf die Idee, Kohle zur Reinigung zu nutzen. Und in Afrika und Asien wird sie bis heute als Zahnputzmittel verwendet.

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Alles in allem könnten Masken wie die "Charcoal and Volcains Soil Maske" von H & M (2,99 Euro) oder die "Pore Refining Solutions Charcoal Mask" von Clinique (30,00 Euro) und Zahnpasten wie "Activated Charcoal Powder" von "Mother Nature Cosmetics" (20,99 Euro) oder "Activated Charcoal Whitening Teeth Toothpaste" von Ciobest (35,99 Euro) daher gar nicht so verrückt sein, wie sie aussehen.

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Doch schwarz, pardon, grau ist alle Theorie. In der Praxis nützt die Kohle wohl nicht so viel wie die Hersteller glauben machen. Denn Aktivkohle kann nur dann Schmutz und Öl aus den Hautporen ziehen, wenn ihre eigenen Poren nicht bereits verstopft sind. "Es ist aber sehr fraglich, wie viele freie Bindungsstellen die Aktivkohle noch hat, wenn sie Bestandteil einer Creme oder Maske ist", sagt Joachim Kresken, Apotheker und Vorsitzender der Gesellschaft für Dermopharmazie.

"In der wissenschaftlichen Literatur findet sich jedenfalls nichts Überzeugendes, was für die Sinnhaftigkeit dieses Prinzips spricht." Im Zweifelsfall könnten Kohle-Pflaster, die man zur Reinigung auf die Haut klebt, noch eher ihre Aufgabe erfüllen, da die Kohle nicht mit anderen Substanzen zugekleistert wird.

Die Werbebotschaft, Aktivkohle ziehe "wie ein Schwamm Gifte oder Bakterien an", ist in jedem Fall Unsinn. Die Kohle bindet schließlich nicht gezielt Gifte, sondern alles, was in ihre Nähe kommt. Vitamine und Nährstoffe ebenso wie Schad- und Schmutzstoffe. Im Darm neutralisiert sie womöglich sogar Medikamente oder Verhütungsmittel wie die Pille. Deshalb sind kohlehaltige Smoothies oder Charcoal Caffe Lattes besser zu meiden.

Auch Kosmetikpräparate sind nicht durchweg unbedenklich. Das hängt von der Art der Herstellung ab. Aktivkohle wird bei sehr hoher Temperatur aus verbranntem Holz, Torf, Bambus, Kokosnussschalen oder auch Olivenkernen gewonnen. Dabei entstehen wie bei jedem Verbrennungsprozess Schadstoffe.

Die Zeitschrift Ökotest kam 2015 zu einem vernichtenden Ergebnis. Von den 15 getesteten Dunkel-Kosmetika, die zwischen 1,25 Euro und 29,99 Euro pro 100 Milliliter kosteten, bewertete sie drei Produkte mit "mangelhaft", sechs sogar mit "ungenügend". In mehr als der Hälfte der Produkte wurden Polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) nachgewiesen, und die sind nicht nur laut EU-Kosmetikverordnung verboten, sondern auch noch potenziell krebserregend.

Wer trotzdem Lust am Schwarzen hat, sollte darauf achten, Produkte mit echter Aktivkohle (deklariert als "Charcoal") zu kaufen. Denn manchen Kosmetika wird nur einfacher Ruß ("Carbon Black" oder "CI 77266") zugesetzt. Der hat mit Aktivkohle nichts zu tun, er hat keine große Oberfläche und bindet auch nichts. Echter Dreck sozusagen.

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