Hype um gebräunte Haut "Du bist ja gar nicht braun"

Manche Menschen bemühen sich vergeblich um den sogenannten "Glow".

(Foto: Nolan Marketti/Unsplash)

Für blasse Menschen ist der Sommer eine Leidenszeit. Ständig müssen sie sich für ihr Versagen rechtfertigen. Ein Plädoyer gegen den Bräunungswahn.

Von Johanna Bruckner, New York

Spätestens, wenn die Freunde erste Anzeichen einer Frühlingsbräune entwickeln, beginnen die gutgemeinten Ratschläge. Falsche Technik, diagnostizierte jüngst eine Freundin beim Blick auf meine weißen Beine, dabei sei es so einfach: Sich so auf der Liege postieren, dass die Schienbeine schräg zur Sonne stehen - und schon klappt's mit dem Teint auf den Tretern. Mal von der Banalität dieser Bräunungstechnik abgesehen: Es klappt natürlich nicht. Meine Beine werden erst krebsrot und anschließend wieder jakobsmuschelweiß. Genauso wenig zielführend war der Vorschlag einer anderen Freundin, die mir erzählte, sie habe ihrem Körper bei einem Auslandssemester in Miami auch erst beibringen müssen, braun zu werden. Ihre Erziehungsmethode ist dabei so alt wie der Wunsch des Menschen, die ungebärdige Natur zu bezwingen: Lernen durch Schmerz.

"Hirnverbrannt!", mag da der eine oder andere denken. Aber die Überzeugung, dass ein kleiner Sonnenbrand die unbedenkliche Vorstufe zur Sommerbräune sei, ist durchaus verbreitet. Weisen Sie mal im Freibad einen Mitmenschen darauf hin, dass sein Rücken dringend Schatten braucht. Mit großer Wahrscheinlichkeit werden Sie Folgendes zu hören bekommen: "Ach, das ist morgen braun!" Da können Hautärzte noch so oft warnen, dass bereits eine leichte Rötung eine Hautverletzung darstellt. Bei manchen mag es Irrglaube sein, bei vielen ist es schlichte Ignoranz: Was ist schon das Motzen eines Menschen mit Medizinstudium gegen das gute Gefühl, das sich einstellt, wenn man abends im Spiegel einen Bikinistreifen sieht?

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Nahtlose Bräune mag in der Theorie und auf FKK-Liegewiesen erstrebenswert sein. Aber der Vorher-Nachher-Vergleich auf der Haut ist auch ein Leistungsnachweis. Während in vergangenen Jahrhunderten Blässe ein Zeichen von Reichtum und Prestige war - und in einigen Gesellschaften immer noch als Schönheitsideal gilt - hat die westliche Welt einen anderen Fetisch gefunden: Der Mensch soll am besten ganzjährig golden erscheinen. Wer als blass oder gar bleich wahrgenommen wird, muss sich regelmäßig fragen lassen, ob er krank sei. Eine gebräunte Haut wird paradoxerweise mit Gesundheit und Glück assoziiert - der vielleicht wichtigsten Währung in hochindividualisierten Gesellschaften.

Glow nennen Lifestyle-Magazine den erstrebenswerten Zustand, in dem der Mensch wirkt wie einer Raffaello-Werbung entsprungen. Körper und Geist sind im Einklang und die einzige Sorge, die der Mensch den lieben langen Tag hat, ist, woher zum Teufel er an einem einsamen Strand Eiswürfel bekommt, um die Kokosbällchen zu kühlen.

Wer mit gebräunter Haut im Büro aufläuft, bekommt Komplimente: "Erholt siehst du aus, warst du im Urlaub?" Zumindest im Winter kann Bräune ein Zeichen von finanziellem Erfolg sein. Zwei Wochen Beach-Resort in Malaysia zu Weihnachten muss man sich leisten können. Vor allem aber ist der Hautton der soziale Code der Wellbeing- und Wellness-Gesellschaft: Ein schöner Körper ist heute ein ähnliches Statussymbol wie es vor Jahrzehnten noch das Auto war. Er wird getunt, gewachst und lackiert. Das beliebteste Modell - fit und gebräunt - ist intensiv in der Wartung und erfordert Wissen: über Ernährung und Sport, und eben auch über den perfekten Teint.

Im Prinzip ist dabei egal, woher die Bräune kommt. Auch Solarium und Selbstbräuner sind okay, aber nur, so lange das Ergebnis vermeintlich natürlich aussieht. Zu braun ist in den Augen mancher mindestens so schlimm wie nicht braun genug. Der Begriff "Assi-Toaster" hat es als Synonym für Sonnenbank schon in den Duden geschafft. Lustig? Ja, aber dahinter steckt enen auch soziale Ächtung für jene Milieus, in denen die Höhensonne den Urlaub ersetzt und in denen der Glow nicht von innen kommt, sondern für 2,95 Euro aus der Billig-Drogerie.

Nicht ganz so weitreichend sind Selbstbräuner-Unfälle. Mit klugen Sprüchen muss aber allemal gerechnet werden: "Wohl das Peeling vorher vergessen?" Wer mit seiner Bräune hinter den Erwartungen zurückbleibt, sollte eine dicke Haut haben. Eine Freundin, die vor Kurzem durch Mexiko reiste und zum Schutz vor der aggressiven Sonne Lichtschutzfaktor 50 verwendete, bekam nach ihrer Rückkehr zu hören: "War das Wetter nicht gut in Mexiko? Du bist gar nicht braun ..." Der Urlaubsteint, so scheint es, ist für viele keine Frage des Hauttyps, sondern des Willens.

Das Sehnsuchtsobjekt des Sommers - ein Ölspray

Auch ich kann mich davon nicht ganz freimachen. Obwohl ich mittlerweile um meine biologischen Bräunungsgrenzen weiß, bewundere ich Menschen, die einen ganzen Tag brathähnchengleich in der Sonne brutzeln können. In jedem Familienurlaub habe ich meine Stiefschwester um diese Fähigkeit glühend beneidet. Das ist durchaus wörtlich zu verstehen: Während ich bereits nach einer Stunde am Strand von wohlmeinenden Umliegenden den Rat bekam, mir doch besser was überzuziehen, konnte meine Stiefschwester stundenlang flach und absolut bewegungslos am Strand liegen. Unterbrochen nur von regelmäßigen Wendemanövern und dem Geräusch des Ölsprays. Für mich als Allergiker-Sonnenmilch-Nutzerin das Sehnsuchtsobjekt des Sommers. Direkt nach Bikinistreifen.

Die Jagd nach diesen Sommer-Trophäen trieb vor einigen Jahren absurde Blüten - im wahrsten Sinne des Wortes. Da klebten sich erwachsene Menschen vor dem Sonnenbad lustige Blumen, Sterne und sonstige Ornamente auf die Haut, als wären sie wieder 14 Jahre alt und hätten gerade selbstklebende Tattoos in der Bravo entdeckt. Abends wurde die Vorlage abgezogen und das neue Sonnentattoo in die nächste Strandbar ausgeführt. Ob sich der Erfinder im Supermarkt inspirieren ließ? Dort lagen etwa zur gleichen Zeit in der Obst- und Gemüseabteilung Äpfel mit Herzchen auf der Schale. Die Technik war dieselbe. Total Banane.