Designer Joseph Altuzarra Muttis Söhnchen

He's got the look: Joseph Altuzarra gehört schon jetzt zu den ganz Großen im Modegeschäft. Was den jungen Designer abgesehen von einem ausgeprägten Mutterkomplex so besonders macht, zeigt ein Besuch in seinem Atelier in Manhattan.

Von Nils Binnberg

Dieses verdammte kleine Wort. Immer wieder platzt es Joseph Altuzarra heraus, wenn er die Vorsitzende der Geschäftsleitung anspricht. Ein legeres "Mom" schallt dann wie ein Echo durch das Atelier. Er wollte es sich eigentlich abgewöhnen. Doch so sehr er sich sonst auch bemüht, sie vor anderen "Boss" zu nennen: Wenn seine Mutter vor ihm steht, ist er auf einmal wieder sechs.

She's the Boss: Designer Joseph Altuzarra mit seiner Mama.

(Foto: AFP)

Sein Aufzug kommt dem eines hochwohlerzogenen Schuljungen gleich: ein hellblaues T-Shirt mit V-Ausschnitt, darunter eine feingliedrige Kette, schmal geschnittene Chino-Hosen, schlichte Lederschuhe. Das einzig rebellische Accessoire ist ein goldener Ohrstecker in Form einer Niete. Altuzarra, Kreativchef seines gleichnamigen Modelabels, sitzt kerzengerade, als müsste er gleich im Kopf eine Stochastikaufgabe lösen, die Hände brav im Schoß gefaltet. Er ist so höflich, dass es fast unverschämt wirkt. Hier sitzt der fleischgewordener Traum aller Schwiegermütter.

In dem alten Warehouse in New York geht es zu, als wäre gerade Mittagsschlafenszeit. Ein weißer Zwergschnauzer, mit dem passenden Namen Bean, grunzt gemütlich in seinem Körbchen. In der Ferne hallt hin und wieder eine knatternde Nähmaschine. Ansonsten: lähmende Stille. Dieser artige Knilch soll Joseph Altuzarra sein, der als einer der talentiertesten New Yorker Designer seit Marc Jacobs gehandelt wird - und das hier soll sein Atelier sein? Wo entstehen hier die Kollektionen, die gerade mal vier Saisons nach der Gründung des Labels in mehr als 50 Luxusgeschäften in Nordamerika, China, Brasilien und Europa verkauft werden?

Doch, doch, vor wenigen Wochen ist es hier noch richtig hoch hergegangen, versichert Altuzarra. Da war das lichtdurchflutete Hauptquartier in der geschäftigen Howard Street Schauplatz für endlose Modelcastings, Fittings - die Anproben - und Interviews mit der Presse. Man würde es kaum glauben, wenn es nicht Beweisbilder von diesem Trubel geben würde, die das Style.com-Magazin gerade publiziert hat.

Versagensängste? Nie gehört.

"Was will man von einem Designer?", das fragte Cathy Horyn von der New York Times kurz nach den Herbst-Winter-Schauen im vergangenen Februar. Und wer sollte die Antwort wissen, wenn nicht sie, die renommierte Modekritikerin: "Man will einen Look, nicht eine Million Teile. Nur eine einzige Inspiration, auf die man gestern nie gekommen wäre." Genau deshalb funktionieren Joseph Altuzarras Mäntel mit den in engen Overkneestiefeln steckenden Cargohosen. Das Motto der Kollektion war der Comic-Zigeuner Corto Maltese, der sich in roten indianischen Prints und Strick mit Fransen und Münzen wiederfindet. Das Ergebnis, so Cathy Horyn, ist ein "starker, frischer Look".

Der Designer nimmt den Hype um seine Person gelassen. Versagensängste kennt er nicht. Vielmehr hat er sich bereits mit der Unberechenbarkeit des Business angefreundet, als er vor zehn Jahren seine Heimatstadt Paris verlassen hat, um ein Praktikum bei dem damaligen Gott der Mode, Marc Jacobs, zu machen. Um dann noch einmal kurz an die Seine zurückzukehren, für einen Assistentenjob beim Modehaus Givenchy.

Mama ist sicherer als jede Bank

Was ihn sicher macht, ist etwas, das vielen Designern und überhaupt allen, die ein eigenes Unternehmen gründen wollen, fehlt: die Rückdeckung der eigenen Mutter. Im Falle von Altuzarra ist die eine knallharte Bankerin mit einem ziemlich hohen Vermögen. Wer ihren Namen googelt - Karen Altuzarra -, sieht sie mit den mächtigsten Frauen der amerikanischen Modewelt die Köpfe zusammenstecken, Linda Fargo, "Senior Vice President, Fashion Office and Store Presentation" vom New Yorker Nobelkaufhaus Bergdorf Goodman, und Jenna Lyons, Chefin des Labels J.Crew. Keine Sekunde musste Altuzarra zögern, als ihm 2007 mit 25 Jahren die Idee kam, ein eigenes Modelabel zu gründen. Seine Mutter war sicherer als jede Bank.

Familienunternehmen sind im Modebetrieb eigentlich nichts Ungewöhnliches. Von Ermenegildo Zegna über den Missoni-Clan bis zum Traditionshaus Trussardi: Die italienische Bekleidungsindustrie ist seit Generationen fest in Familienhand. Aber wie in anderen traditionell geführten Unternehmen auch, steigen hier in der Regel die Kinder in das Geschäft mit ein. Dass aber ein Kind zum Arbeitgeber seiner Mutter wird? Das ist ein neuer Trend.