Alternative zu Fleisch und Gemüse Burger aus dem Labor

Fleisch essen schadet der Umwelt. Deswegen sollten wir häufiger auf den Burger verzichten - oder ihn im Labor züchten. Das findet zumindest der Wissenschaftler Mark Post. Er hat in London den ersten künstlich erzeugten Rindfleischbratling präsentiert.

Von Lena Jakat

"Ich hätte erwartet, dass die Textur weicher wäre. Da ist ein ziemlich intensiver Geschmack; es ist nah dran an Fleisch, aber nicht so saftig." Worüber die österreichische Essensforscherin Hanni Rützler hier spricht, ist ein Burger. Nicht irgendein Burger. Sondern der mit etwa 300.000 Euro wohl teuerste Burger der Welt. Und der erste, der nicht aus dem gehäckselten Fleisch einer Kuh entstanden ist, sondern im Labor.

Begleitet von großem Brimborium wurde am Montag an einem geheimen, "exklusiven Ort in Westlondon" das Ergebnis jahrelanger Forschungen präsentiert. Angefangen hatte alles mit Stammzellen aus dem Muskelgewebe einer Kuh. Mark Post, Mediziner an der Universität von Maastricht, züchtete daraus mithilfe von anregenden Chemikalien reiskornkleine Fasern. Etwa 3000 dieser Zellhaufen wurden dann - verkürzt gesagt - immer wieder aneinander geklebt, bis daraus ein Burger entstand. Oder zumindest so etwas ähnliches wie ein Burger.

Gebraten wurde er bei der Pressekonferenz in London von Koch Richard McGowan aus Cornwall. Eigentlich hätte sich der Wissenschaftler Post für diese Premiere Heston Blumenthal gewünscht; der Inhaber des berühmten Restaurants "The Fat Duck" in London ist bekannt für seine unkonventionellen Zutaten und Zubereitungsarten.

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Die Wissenschaftlerin Rützler (hier im ausführlichen Interview mit SZ.de) und der US-Gastronomie-Journalist Josh Schonwald waren als Testesser zu dem groß angekündigten Event geladen. Während sie zumindest der Textur Fleischähnlichkeit bescheinigten, gelangten sie in punkto Geschmack zu einem anderen Urteil: "Das Mundgefühl ist wie bei Fleisch", sagte Schonwald. "Ich vermisse das Fett, es hat etwas Mageres an sich, aber generell fühlt sich der Bissen an wie bei einem Hamburger. Was entscheidend anders war, war der Geschmack:"

Tatsächlich war der Protoburger - von manchen Medien wahlweise wissenschaftlich als In-Vitro- oder reißerisch als Franken-Burger tituliert - laut Vorabinformationen der BBC mit Rote-Beete-Saft gefärbt, mit Semmelbröseln, Karamell und Safran versetzt.

Die Forscher um den Niederländer Post hoffen, mit dem Labor-Burger einen ersten Schritt in Richtung eines ökologisch verträglichen Fleischkonsums geschafft zu haben. Seit 1980 hat sich die weltweite Fleischproduktion auf etwa 300 Millionen Tonnen jährlich verdreifacht. Und die Nachfrage steigt. Für die Produktion eines Kilos Rindfleisch werden etwa 14.000 Liter Wasser benötigt, die Klimabilanz ist verheerend.

Fleisch aus dem Labor könnte eine umweltfreundlichere Alternative zu konventionell produziertem Fleisch und Vegetarismus darstellen. Laut einer Studie der Universitäten von Oxford und Amsterdam würden bei der Laborproduktion bis zu 96 Prozent weniger Treibhausgase anfallen und zwischen sieben und 45 Prozent weniger Energie würden verbraucht. Tierschutzverbände wie Peta begrüßten den Prototyp des fast tierlosen Burgers ebenfalls.

Falls die Entwicklung von Kunstfleisch Zukunft hat, steht diese noch ganz am Anfang. Zum einen ist da der Preis: Hunderttausende Euro flossen in die Entwicklung eines Klumpens Fleisch, der gerade mal 140 Gramm wiegt. Finanziert wurde die Forschung von einem mysteriösen anonymen Spender, der laut BBC nun als Google-Mitbegründer Sergei Brin identifiziert wurde.

Doch selbst wenn sich die Kosten für den Produktionsprozess senken ließen und die ersten In-Vitro-Rinderlasagnen schon in fünf bis zehn Jahren - so die Vision von Wissenschaftler Post - in europäischen Supermarktregalen lägen: Akzeptieren Kunden Fleischersatz, der womöglich so aussieht wie Rinderhack, aber nicht so schmeckt?

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Ernährungswissenschaftlerin Tara Garnett von der Universität Oxford mahnte bei der BBC zur Umsicht - viel wichtiger als die Erfindung künstlichen Fleischs sei die richtige Verteilung der verfügbaren Lebensmittel auf der Welt. Auch die Fachjournalistin Sybil Kapoor sagte, die Entwicklungen seien mit Vorsicht zu genießen. "Je weiter man sich von einer normalen, natürlichen Ernährung entfernt, desto mehr Risiken gehen die Menschen mit Blick auf Gesundheits- und andere Probleme ein", sagte sie.

BBC-Wissenschaftsjournalist Pallab Gosh verweist zudem auf unterschiedliche Prognosen zum Fleischkonsum. Einer aktuellen Studie der UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) zufolge sei die Nachfragexplosion größtenteils schon überstanden. "Möglicherweise", so Gosh, "könnte sich herausstellen, dass im Labor gezüchtetes Fleisch eine technologische Lösung ist, die noch nach ihrem Problem sucht."

Mit Material der dpa