Deutsche Nationalelf Das Ende der Wird-schon-glatt-laufen-Mannschaft

Die deutschen Fußballer haben bei der Weltmeisterschaft in Russland die Grenze zwischen Selbstbewusstsein und Selbstherrlichkeit überschritten. Das Aus ist verdient und folgerichtig.

Kommentar von Martin Schneider, Kasan

Am Ende war Manuel Neuer der Prophet, den niemand gehört hat, der das Desaster hat kommen sehen. Es war am Samstag in den Katakomben des Olympiastadions in Sotschi, ein Spieler nach dem anderen ging nach dem Schweden-Spiel in Richtung Bus und berichtete von der Euphorie, von der Initialzündung, und dass man jetzt durch das Turnier reiten würde, Toni Kroos schickte eine Botschaft an die Kritiker in der Heimat. Dann kam als letzter Spieler Neuer.

Der DFB hatte den Flieger nach Moskau sehr knapp gebucht, der Pressesprecher schob Neuer zum Ausgang, aber dem Kapitän war es wichtig, noch ein paar Sachen loszuwerden. Alles schön und gut mit dem Freistoß, sagte er sinngemäß, aber man sei wieder einem Rückstand hinterhergelaufen, das hätte nach dem Mexiko-Spiel nicht passieren dürfen und jetzt habe man sich soeben noch mal gerettet. "Man darf sich nicht sicher sein, dass das alles schon glatt laufen wird", sagte Neuer.

Und genau das ist passiert. Genau das war die deutsche Mannschaft. Genau deswegen fliegt sie jetzt nach Hause.

Die Mannschaft hielt sich nach dem Schweden-Spiel für unverwundbar

Die DFB-Elf ist exakt mit einer Das-wird-schon-glatt-laufen-Haltung durch dieses Turnier gegangen, sie überschritt die Grenze zwischen Selbstbewusstsein und Selbstüberschätzung viel zu deutlich - sie war gelassen, wo längst keine Gelassenheit mehr angebracht war. Mit Ausnahme von Manuel Neuer hat offenbar keiner das Schweden-Spiel als das gedeutet, was es war: als allerallerletzten Schuss vor den Bug, nach den Warnschüssen Brasilien, Österreich, Saudi-Arabien und Mexiko. Nein, nach dem Kroos-Freistoß hielt sich die Mannschaft augenscheinlich erst recht für unverwundbar, sie hat die Nahtoderfahrung mit Unsterblichkeit verwechselt. Seht her, wir leben noch - und Südkorea hält uns jetzt auch nicht mehr auf.

Deutschland hat Südkorea aber nicht gepackt. Der Weltmeister ist ausgeschieden gegen eine Mannschaft, in der bis auf Son Heung-min (Tottenham) und Koo Ja-cheol (Augsburg) alle Spieler der Startelf in den Ligen in Korea, Japan oder China spielen. Gegen ein solches Team zwei Tore zu schießen - das muss möglich sein und das ist auch möglich, wenn man die Aufgabe seriös angeht. Aber: In der ersten Halbzeit sah man der deutschen Nationalmannschaft nicht an, dass es hier gegen das Ausscheiden bei einer WM geht, es sah eher nach Bayern gegen Augsburg am 23. Spieltag aus.

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Die Angriffe waren halbherzig, die Abschlüsse und letzte Pässe zu ungenau. Die Körpersprache sagte: Dann passt eben der nächste Schuss, der nächste Pass, irgendwann fällt schon einer rein. Und so tickte die Uhr und tickte und irgendwann gab es eben keinen nächsten Schuss mehr. Die ganze erste Halbzeit verging, ohne dass Deutschland eine echte Torchance hatte. Gegen einen Gegner, der im Gegensatz zu Deutschland übrigens kaum Chancen aufs Weiterkommen hatte, aber der mit allem verteidigte, was er hatte. Wenn Löw seiner Mannschaft nach dem Spiel, wenn auch mit der zeitlichen Einschränkung "vor dem Mexiko-Spiel" Selbstherrlichkeit vorwirft, dann ist das, nüchtern betrachtet, eine Wahnsinns-Aussage eines Bundestrainers an die eigene Mannschaft. Aber sie trifft offenkundig zu.

Dass dieses historische WM-Ende ein Mannschaftsproblem war, das sieht man allein daran, dass man keine einzelnen Spieler als Sündenböcke findet - selbst wenn man danach sucht. Ein einfacher Konter-Plan der Mexikaner, eine simple Abwehrtaktik der Südkoreaner reichten schon, um Löws Team umzuwerfen. Der Fehler lag definitiv nicht im Detail, der Fehler lag im großen Ganzen.

Teammanager Bierhoff dachte schon ans Halbfinale und Finale

Wenn Toni Kroos nach dem Schweden-Spiel sagte, dass einen in der Heimat ja niemand zum Titel schreiben werde - dann sprach er nur Minuten, nachdem die Mannschaft ein Aus gerade so abgewendet hatte, schon wieder vom WM-Titel. Wenn Marco Reus ausplauderte, dass er gegen Mexiko nicht gespielt hat, weil der Bundestrainer ihn für die "wichtigen Spiele" schonen wollte, wenn Teammanager Oliver Bierhoff das ungeliebte Quartier in Watutinki auch deswegen auswählte, weil das Halbfinale und das Finale im Falle des Gruppensieges im Moskauer Luschniki-Stadion stattfinden würde - dann sind das Indizien, dass die Mannschaft mit dem Kopf schon über die Gruppenphase hinaus war. Diese furchtbaren Fußballer-Sätze, die zu brutalen Phrasen verkommen sind, sie wären im Falle der deutschen Mannschaft angebracht gewesen: Sie hätte von Spiel zu Spiel denken müssen und sie hätte die Gegner nicht unterschätzen dürfen.

Bevor man nun aber alle Fußballer mit dem Adler auf der Brust in das charakterliche Fegefeuer stößt, sei daran erinnert, dass an der Aufgabe, als Weltmeister einen Titel zu verteidigen, schon andere kolossal gescheitert sind. Frankreich 2002 an einer Gruppe mit Senegal, Dänemark und Uruguay, Italien 2010 in einer Gruppe mit Neuseeland, Slowakei und Paraguay, 2014 Spanien an Australien, den Niederlanden und Chile. In all diesen Teams - Frankreich, Italien, Spanien, Deutschland - spielten Spieler, die auf verschiedenen Ebenen bewiesen haben, dass sie zur Weltspitze gehören.

Aber dass die Aufgabe groß werden würde, das wusste man. Oder vielmehr: Man hätte es wissen können. Aber wenn man sich die erste Halbzeit gegen Südkorea anschaute, dann sah man kein Team spielen, dass eine Aufgabe lösen wollte, an der Spieler wie Zidane, Henry, Cannavaro, Pirlo, Ramos, Xavi oder Iniesta gescheitert sind. Man sah ein Team, das dachte, dass es schon irgendwie gut gehen wird.

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