Vergleich zwischen Messi und Müller Zwei Äste eines Baumes

Gerd Müller: einzigartig.

(Foto: AFP)

Niemand wird ernsthaft Lionel Messi und Gerd Müller vergleichen wollen: Der Wettbewerb der Schützenkönige von 1972 und 2012 wurde ausschließlich zum Zweck von Messis Verherrlichung installiert. Andererseits: Wenn er der Huldigung des einzigartigen Gerd Müller dient, dann hat er seinen Zweck erfüllt.

Ein Kommentar von Philipp Selldorf

Es hat viele typische Gerd-Müller-Tore gegeben, einige waren allerdings noch typischer als bloß typisch. Das 2:1 gegen Italien bei der Weltmeisterschaft 1970 zum Beispiel, Halbfinale, Verlängerung: kein Sololauf, kein Fallrückzieher, kein Volley-Schuss und kein Hechtkopfball, sondern ein Gewurstel.

Plötzlich hat er sich recht aufdringlich zwischen den zaudernden Verteidiger und den Torwart gezwängt, den Ball trifft er nicht mal richtig; träge taumelt die Kugel über die Linie, während Albertosi ihr verzweifelt hinterherkriecht - und trotzdem war der Treffer ein Meisterwerk, weil nur Müller diese winzige Chance hat erkennen können mit seinem eingebauten Mittelstürmer-Radar.

Oder vier Jahre später beim WM-Vorrundenspiel gegen Jugoslawien. Wie Müller sich vor den Verteidiger schiebt, wie er stürzt und im Liegen das 2:0 schießt: Das ist auf den ersten Blick ja nichts Besonderes, aber in Wahrheit ist es eben ein unnachahmlicher Fall von Müllern gewesen, vom 2:1 gegen Holland im Finale ganz zu schweigen. Diese mechanische Drehung in der eigenen Achse, dieser Schieber in die lange Ecke, dieser Jubelsprung mit Hohlkreuz. Alles nie vorher passiert und auch nie danach.

Dieser einzigartige Gerd Müller hat sich jetzt in Ehrfurcht verneigt, weil ihm Lionel Messi einen Weltrekord abgeknöpft hat, den er vor 40 Jahren aufgestellt hatte. Die ganze Welt spricht jetzt darüber, obwohl der Wettbewerb der Schützenkönige von 1972 und 2012 eine dubiose und willkürliche Erfindung ist, die ausschließlich zum Zweck von Messis Verherrlichung installiert wurde.

Aber in Spanien und Südamerika hat man großen Gefallen daran gefunden, diesen Konkurrenzkampf zu konstruieren, und es ist ja auch spaßig zu sehen, wenn argentinische Fernsehleute mit wissenschaftlichem Anspruch diskutieren, ob Müllers viertes Tor im Freundschaftsspiel gegen die Sowjetunion, Mai 1972, tatsächlich Müller gutgeschrieben werden dürfe - oder ob es nicht in Wahrheit ein Eigentor war (die anderen drei Tore stammten übrigens auch von Müller).

Allen Ernstes wird natürlich niemand Messi und Müller vergleichen wollen. Zwei Männer aus zwei Zeitaltern, die nicht mehr miteinander gemein haben, als dass sie das gleiche Spiel spiel(t)en und sehr, sehr viele Tore schießen bzw. geschossen haben. Wobei der Fußball im Jahr 2012 und der Fußball im Jahr 1972 inzwischen wohl zwei verschiedene Sportarten sind, die sich lediglich den Stammbaum teilen.

Andererseits: Wenn der Wettbewerb der Verherrlichung des einzigartigen Gerd Müller dient, dann wird die Gelegenheit hiermit dankend angenommen.