Bundestrainer Löw ist nicht gerade begeistert vom WM-Quartier des DFB in Südafrika. Wir können das verstehen. Wir waren da. Besuch im Velmore Hotel nahe Pretoria.
Für Fußball hat sich Heinz Mulder bisher kaum interessiert. "Das ist ein Sport für Schwarze", sagt der massige Mann. So ist Mulder aufgewachsen: Fußball? Das spielten doch die Armen in den Townships. Mulder aber macht es wie viele hellhäutige und wohlhabende Südafrikaner. Er spielt lieber Rugby. Und er liebt Cricket.
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Manager Heinz Mulder vor dem Velmore Hotel: "Das ist provenzalischer Stil" (© Foto: Kristina Läsker)
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Doch jetzt dürfte Mulder einen neuen Blick für Fußball entwickeln: Im Sommer steht in seinem Heimatland die Weltmeisterschaft an - und ausgerechnet Mulder wird die deutsche Nationalmannschaft beherbergen, also lauter weiße Jungs. Aber diese sind fußballversessen, und sie würden Cricket eher für Brennball halten. Nun treffen sie auf Mulder, 32, der das Hotel Velmore Grande nahe Südafrikas Hauptstadt Pretoria managt. Hier hat Manager Oliver Bierhoff das deutsche Team zur WM einquartiert. Bundestrainer Jogi Löw hat es gerade besucht und schwärmt nicht gerade: "Bislang gab es da noch nicht so die ganz großen Fortschritte."
"Provenzalischer Stil"
Wer Mulders Fünf-Sterne-Bleibe gut 100 Tage vor Anpfiff besuchen will, muss Pretoria verlassen und knapp 20 Kilometer gen Westen fahren. Er muss auf einer ausgefransten Asphaltstraße tiefe Löcher umkurven, bis im Nirgendwo, das hier Erasmia heißt, eine Mauer mit zwei Torbögen auftaucht. Ein Kieselweg führt zu mehreren rot und weiß geklinkerten Gebäuden. Diese sind umrahmt von falschen römischen Säulen, nachgemachten antiken Amphoren und einem tröpfelnden Springbrunnen. "Das ist provenzalischer Stil", schwärmt Mulder. Tatsächlich ist es eine Ausgeburt der Hässlichkeit, des schlechten Geschmacks. Und vermutlich war Mulder nie in Frankreich.
An diesem Februarmorgen steht der Manager im Dreck und schaut Arbeitern mit roten Helmen zu. Vergangene Woche schon sollte das Fußballfeld für Torwarttraining entstehen. Doch wo Rasen sprießen müsste, quietscht der Matsch. "Sturm und Regen haben das Gras weggespült", erzählt Mulder. Auch die Verbindung zum Internet hat der Sturm weggerafft. "Hier gibt es oft Stromausfälle", sagt er und zuckt mit den Achseln.
Schon am 25. Mai erwartet das Hotel die ersten TV-Journalisten, am 7. Juni sollen die 23 Spieler und ihr dreimal so großer Tross einziehen, erzählt Mulder. 83 der 99 Hotelzimmer habe der Deutsche Fußball-Bund (DFB) gebucht und sich das komplette Areal gesichert. Auf dem Gelände wird es auch eine Fitnesshalle und ein Medienzentrum geben, doch Besucher dürften dort nicht hinein: "Das ist noch zu chaotisch." Das deutsche Team habe Glück gehabt, meint der Manager. "Die haben den Briten das Hotel vor der Nase weggeschnappt." Er finde das gut so, meint Mulder, dessen Vater aus Tirol stammt. "Es ist leicht, mit den Deutschen zu arbeiten, die sagen dir ziemlich direkt was sie wollen."
Stolz führt Mulder das im November eröffnete Hotelgebäude vor und zeigt die Suiten für die Spieler: Lila Kissenrollen zieren das Queen-Size-Bett, eine schwarze Ledercouch steht auf einem silbernen Teppich mit Fransen, in einer Schale glitzern lila Murmeln. In einen überdimensionierten Fernseher soll RTL und Sky eingeschleust werden. Als "Retro Modern", bezeichnet Mulder die Melange aus Glas, Lack und Silbertünche, die sich so seltsam vom pseudo-provinzialischem Ambiente im Außen abhebt. Die Inneneinrichtung "Eleganz" zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass sie in jedem Möbelhauskatalog direkt hinter den Eichenschrankwänden unter "modernem Leben" zu finden wäre.
"Entspannt euch, die WM ist erst im Juni"
Doch was wie neu aussieht, hat viele Mängel: Im Stammhaus kommt nur kochend heißes Wasser aus dem Hahn, nach dem Regenguss werden auf dem Balkon die durchnässten Kissen der Gartenmöbel stundenlang liegengelassen. Der Service im Restaurant ist unterirdisch, das Essen braucht zwei Stunden, aber die Deutschen werden ja ihre eigenen zwei Köche mitbringen.
Auch, dass sich eine Kakerlake ins Bad verirrt, kann in Afrika schon mal drin sein. Die Wände sind zudem so dünn, dass Gespräche nebenan nicht geheim bleiben, im Pool treibt ein toter Frosch und bei der Tour über das acht Hektar große Areal geht dem Elektroauto der Strom aus. Für Mulder alles kein Problem: "Entspannt euch, die WM ist erst im Juni." Auch ist er sich sicher, dass alle Spieler ihre Wünsche auf "fließend englisch" ausdrücken können. Von Lukas Podolski scheint er noch nie gehört zu haben.
Selbst bei gutem Willen kann man eigentlich kein gutes Haar am Velmore lassen, selbst das nicht vom Koch auf dem Omelett beim Frühstück. Doch für den DFB ist das alles offiziell kein Problem; an diesem Mittwoch haben Bierhoff und Trainer Joachim Löw das Gelände erneut besichtigt - und Optimismus verbreitet. "Der DFB hat keinerlei Zweifel, dass das Hotel den Ansprüchen genügen wird", sagte DFB-Sprecher Harald Stenger. Mögliche Mängel ließen sich beheben: "Wir gehen davon aus, dass alles rechtzeitig fertig wird."
Komisch nur, dass selbst Südafrikaner selten im Hotel absteigen: In der Besuchswoche hat fast niemand dort übernachtet. Das Hotel sei wochentags immer verwaist, lästert ein Angestellter der deutschen Botschaft. Nur samstags würden Stars und Sternchen nach Velmore pilgern und Hochzeit feiern. Mit Promis kenne er sich aus, sagt Mulder. Ob Staatspräsident Jacob Zuma oder Cindy Crawford: "Die habe ich alle versorgt." 235 Euro zahlt der Gast fürs normale Zimmer; was die Deutschen bieten, verrät er nicht.
Wer beim DFB nachfragt, warum die Nationalelf ausgerechnet nach Erasmia zieht, hört neben "Größe" und "guter Höhenlage" auch das Wort Sicherheit, und dass sich die Anlage gut schützen lasse. Erst neulich hat auch Mulder die Polizisten aus den Nachbarorten zum Abendessen eingeladen, um ihnen das Hotel zu zeigen. So gehe das in Südafrika, betont er. "Sie müssen die Polizei wohlstimmen." Schließlich sollen die Beamten sowie 20 private Sicherheitskräfte dafür sorgen, dass den Spielern nichts passiert.
Strategisch liegt Velmore Grande günstig. 15 Kilometer sind es bis zum nächsten Inlandsflughafen; 45 Kilometer bis Soccer City, wo Eröffnungs- und Endspiel ausgetragen werden - und wo die deutsche Mannschaft in der Vorrunde gegen Ghana antritt. Das muss man dem Hotel lassen: Man kommt schnell wieder weg.
(sueddeutsche.de/lala)
Documenta-Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev
Mal ehrlich, da hat sich Oliver Bierhoff bei der Quartierwahl aber echt ein Eigentor geschossen!
Es spielt schon eine Rolle, ab sich die Spieler zwischen den Spielen in ihrer Unterkunft wohl fühlen und entspannen können.
Und das wird doch kaum möglich sein, wenn man sich beim Duschen den Kopf verbrüht und alles vom Zimmernachbarn mitbekommt (wahrscheinlich Podolski beim Wii spielen...) oder tote Tiere einsammeln muss.
...wenn man diesen Artikel liest, könnte man zu dem Schluss gelangen, es gibt ihn doch, den 'hässlichen Deutschen' im Ausland.
Tja, die Kakerlaken - die sind nun mal leider eher Ausdruck der klimatischen Bedingungen und müssen nicht zwingend etwas über die hygienischen Zustände aussagen. Selbst hier in Tokyo sind die Tierchen an der Tagesordnung und keiner regt sich darüber auf. Haben die Redakteure eigentlich auch im Vorfeld der WM 2002 über die Zustand des deutschen Mannschaftsquartiers berichtet?
@Rhinelander
Ein Bewohner der französischen Provence heißt Provenzale, der Baustil dort entsprechend provenzalisch, wie die SZ-Autoren richtig buchstabieren.
Ob unsere Fußballer während der WM den gewohnten Komfort genießen werden und ob ihr ästhetisches Empfinden evtl. durch einen unschönen Baustil gestört werden könnte, finde ich im Übrigen doch recht uninteressant.
Ich habe mich selten so nach dem Lesen eines Artikels geschämt.
Es soll niemand mehr über verwöhnte Sportler oder Manager schimpfen. Offenbar scheinen einige "Journalisten" in den feinsten Häusern dieser Erde zu verkehren und die Nase offenbar noch höher zu tragen als Funktionäre der Fußballwelt.
Vielleicht ist es aber auch nur Satire. Meine letzte Hoffnung.
Paging