Stadionbau in Katar WM der Sklaven

Ausländische Arbeiter warten in Doha auf den Rücktransport zu ihren Unterkünften

Unter barbarischen Bedingungen lässt Katar die Stadien für die Fußball-WM 2022 bauen. Hunderte sind schon gestorben, die Überlebenden werden wie Zwangsarbeiter behandelt und - wenn überhaupt - nur lächerlich entlohnt. Von der Ankündigung, die Kultur für die Welt zu öffnen, ist in Katar nichts mehr übrig.

Ein Kommentar von Detlef Esslinger

Vielleicht sollte man den Gastgeber an seine eigenen Worte erinnern, vielleicht sollte man ihn an diesen jetzt messen. Vor gut drei Jahren erhielt Katar den Zuschlag für die Fußball-Weltmeisterschaft 2022, und der Botschafter des Emirats in Deutschland sprach aus, welche Bedeutung es habe, dass ein solches Ereignis zum ersten Mal dieser Gegend anvertraut wird. Es zeige "die Öffnung der Kultur und der Gesellschaft Katars für die Welt".

Wenn man die Berichte von den Baustellen des Landes hört, kommt man an der Feststellung kaum vorbei: Nichts liegt den Herrschern dieses Landes ferner als dies. Ja, sie spielen Fußball nach denselben Regeln wie überall auf der Welt: zwei Tore, 22 Spieler, zweimal 45 Minuten. Ja, sie werden bestimmt jedem Besucher ein Visum geben. Aber sie lassen ihre Plätze und ihre Stadien offenbar auf dieselbe brutale Art und Weise bauen, in der auch ihre Straßen, Flughäfen und Einkaufszentren errichtet werden.

Schon vor einigen Monaten wurde bekannt, dass allein im Juli und August des vergangenen Jahres 44 Arbeiter aus Nepal in Katar zu Tode gekommen sind. Nun berichtet die englische Tageszeitung The Guardian unwidersprochen, dass dies bei Weitem nicht alle Toten sind: 382, nur aus Nepal, nur in den beiden vergangenen Jahren.

"Wenn das so stimmt, ist das schockierend"

Die Debatte um die WM 2022 treibt den DFB um: Die erhöhte Anzahl von Todesopfern auf Baustellen in Katar findet Verbandschef Wolfgang Niersbach inakzeptabel. Der Deutsche Fußballbund könne aber nur bedingt eingreifen. Und was wird aus dem Confed-Cup 2021? mehr ...

Aber auch wer den Job dort überlebt, ist Arbeitsbedingungen ausgesetzt, die im Wortsinne menschenverachtend sind. Katar ist nach Luxemburg das reichste Land der Welt, aber ein Arbeiter aus Nepal darf dort nur mit 300 Euro im Monat rechnen. Damit er diese Arbeit bekommt, muss er zudem 1000 Euro Vermittlungsgebühr zahlen, er wird morgens um halb fünf zur Arbeit abgeholt und abends um sieben zurückgebracht - in ein Zimmer, das er sich mitunter mit 25 Mann teilt.

Der Lohn wird mal ausgezahlt, mal nicht; und schließlich gibt es das "Kafala"-System, das Arbeitgebern die Verfügungsgewalt über die Pässe ihrer Untergebenen sichert. Womit Letztere zu nichts anderem als zu Zwangsarbeitern werden. "Sklavenähnlich gehaltene Wanderarbeiter" hat Michael Sommer, der deutsche Präsident des Internationalen Gewerkschaftsbundes (IGB), dazu gesagt. Manchmal übertreiben Gewerkschafter ja. In dem Fall ist es eine präzise Formulierung.

150 Inspektoren für 1,2 Millionen Gastarbeiter

Soll dies der Baugrund sein, auf dem in acht Jahren ein Sportfest ausgetragen wird? Soll man die Katarer dafür bestaunen, was sie aus ihrer Wüste gemacht haben, wenn man weiß, wie sie es gemacht haben? Es hat noch nicht allzu viel internationalen Druck auf sie gegeben bisher; vielleicht glauben sie deshalb, mit ein paar wachsweichen Erklärungen durchzukommen.

Das Organisationskomitee verweist auf eine "Arbeiter-Charta", die es angeblich entworfen und mit "internationalen Arbeitsorganisationen" sowie Amnesty International und Human Rights Watch "besprochen" hat. Wenn man bei den Organisationen nachfragt, haben einige von einer Charta noch nie etwas gehört. Es gibt nur ein Papier, das die "Qatar Foundation" - eine Stiftung der Familie des Emirs - im April 2013 vorgestellt hat. Es enthält Vorschriften zu Ausbildung, Arbeitszeiten, Transport, Urlaub, Unterkünften. Die 51 Seiten lesen sich zunächst recht imponierend; sogar, dass der Weg zur Toilette maximal zehn Meter sein darf, ist dort geregelt.

In Wahrheit ist dieses Papier ein Wisch. Es soll in der Welt einen seriösen Eindruck machen, mehr nicht. Wenn dem Emir die Arbeiter wichtig wären, die seine Kulissen bauen, dann würde er dafür sorgen, dass aus dem Papier seiner Stiftung ein Gesetz wird. Dann würde er dafür sorgen, dass dieses Gesetz nicht nur für die WM-Baustellen gilt, sondern für jede Wirtschaftstätigkeit in seinem Land, also auch beim Bau von Straßen, Flughäfen und Einkaufszentren. Dann würde er die Zustände in seinem Land auch nicht länger dadurch zementieren, dass exakt 150 Inspektoren die Arbeitsbedingungen von 1,2 Millionen Gastarbeitern überwachen sollen.

Wenn ihm die Arbeiter wichtig wären, würde er das internationale Übereinkommen zur Zulassung von freien Gewerkschaften zumindest mal unterschreiben; er würde eine Mindestbezahlung garantieren, vor allem jedoch nicht einen Tag länger am barbarischen "Kafala"-System festhalten.

Es gibt Fußballfunktionäre - nicht der Präsident des DFB -, die allen Ernstes sagen: andere Länder, andere Sitten. Es gehe nun mal nicht überall so zu wie in Mitteleuropa. Abgesehen davon, dass man mit solchen Äußerungen einem geradezu rassistischen Arbeitsrecht das Wort redet: Wie war das noch gleich? Wollte Katar nicht der Welt die Öffnung seiner Gesellschaft zeigen? Falls das nicht ernst gemeint war - bitte, die Welt kann gerne daheim bleiben.