Sandro Wagner Ein Abschied der lauten Art

  • Sandro Wagner reagiert tief gekränkt darauf, dass ihn Bundestrainer Joachim Löw nicht mit zur Fußball-WM nach Russland nimmt.
  • "Ernst nehmen kann ich das natürlich nicht", erklärte Wagner der Bild-Zeitung.
  • Löw dürfte sich nun darin bestätigt fühlen, den leiseren Mario Gomez nominiert zu haben.
Von Carsten Scheele

Für seine markige Art, die Dinge konkret auszusprechen, ist Sandro Wagner längst berühmt. Als es um seine mutmaßliche Nominierung für die Fußball-Weltmeisterschaft ging, wurde der Stürmer von Bayern München besonders deutlich. Ja, er fahre sicher mit zur WM, weil er der beste deutsche Stürmer sei, wiederholte Wagner bei jeder Gelegenheit. Als gäbe es niemanden, der daran zweifeln könnte.

Am Dienstag musste Wagner dann von Bundestrainer Joachim Löw hören, dass dieser ihn doch nicht für den besten Angreifer der Republik hält. Dass Timo Werner, Mario Gomez und Nils Petersen mit zur WM nach Russland fahren, nicht aber der Münchner. Das Aus für Wagner, schon in der ersten Nominierungsrunde, passte gar nicht ins Selbstverständnis des Stürmers. Es gab Menschen, die Wagner auf dem Trainingsplatz des FC Bayern weinen gesehen haben wollen.

Wagner wirkt verletzt und persönlich enttäuscht

Knapp 30 Stunden hörte man nichts aus dem Wagner-Lager, dann äußerte er sich via Bild -Zeitung, auf seine Art, markig und konkret. "Ich trete hiermit sofort aus der Nationalmannschaft zurück", erklärte Wagner. Er ist, so ist aus dem knappen Statement herauszulesen, verletzt und persönlich enttäuscht. Und er zweifelt die Sinnhaftigkeit der Entscheidung des Bundestrainers offen an. "Ernst nehmen kann ich das natürlich nicht", so Wagner.

Mit diesem lauten "Servus" ist im Grunde das eingetreten, was Löw vor seiner Kader-Nominierung antizipiert hat. Während Werner als spielender Stürmer für die WM gesetzt ist und Überraschungsmann Petersen als Konterkraft hinzugezogen wurde, hatte Löw auf der dritten Stürmerposition die Wahl zwischen den beiden wuchtigen Angreifern Gomez und Wagner. Beide hatten eine sehr anständige Rückrunde gespielt, Gomez lag in Stuttgart bei acht Treffern, Wagner in München ebenfalls. Während Wagner für die Bayern auch in der Champions League zum Einsatz kam, hatte Gomez als langjähriger Nationalstürmer mit Turniererfahrung bei Löw einen Bonus. Eine sportlich vertretbare, wenn auch für Wagner harte Entscheidung.

Löw ging es intern auch um den Teamgeist - und er kam zu dem Entschluss, dass mit Gomez auf der Kaderposition des Ersatzstürmers (der bei gutem Turnierverlauf auf wenige Einsatzminuten kommt) eine harmonischere WM möglich ist. Gomez ist der leisere von beiden, von ihm muss Löw keine schrillen Töne fürchten, sollte er bis zum Viertelfinale nur sporadisch zum Einsatz kommen. Früher habe er sich nicht als Einwechselspieler gesehen, sagte Gomez, mittlerweile 32 Jahre alt: "Heute sind auch drei Minuten okay für mich." Das waren die Töne, die Löw hören wollte.

Bei Wagner konnte sich Löw nicht so sicher sein, diese Sichtweise bestätigt nun das Interview. "Für mich ist klar, dass ich mit meiner Art, immer offen, ehrlich und direkt Dinge anzusprechen, anscheinend nicht mit dem Trainerteam zusammenpasse", erklärte Wagner offen. Mit diesen Worten schlägt er die Tür zur Nationalelf vermutlich für immer zu: Wagner ist bereits 30, Löw hat seinen Vertrag gerade bis 2022 verlängert, für die kommenden beiden Großturniere. Es kommt selten vor, dass Löw Spieler, die sich einmal von ihm abgewendet haben, zurückbeordert. Man erinnere sich an den Fall Kevin Kuranyi.

Wagner debütierte in der Nationalmannschaft mit 29 Jahren

So kann Wagner auf eine kurze, aber nicht unerfolgreiche Karriere in der Nationalelf zurückblicken. Er debütierte im Alter von 29 Jahren am 6. Juni 2017 gegen Dänemark (1:1), sein größter Erfolg war der Gewinn des Confed Cups, obwohl er beim Vor-WM-Turnier in Russland nur 57 Minuten auf dem Platz stand. Insgesamt erzielte er in acht Länderspielen fünf Treffer, drei davon gegen San Marino. "Die WM wäre eine tolle Sache gewesen", sagte Wagner etwas leiser. Sie bleibt ihm nun verwehrt.

Er kommt vielleicht besser darüber hinweg, wenn er sich an seine eigenen Worte erinnert. "Wenn mir jemand sagt, Fußball sei sein einziger Lebensinhalt, dann halte ich das für dumm", hatte Wagner dem Fußballmagazin 11 Freunde einmal gesagt: "Dem kann ich nur empfehlen, um 20 Uhr die Tagesschau anzumachen."

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