Ottmar Hitzfeld und das WM-Aus der Schweiz Tragödie in drei Minuten

Die Vaterfigur tritt ab: Ottmar Hitzfeld, Trainer des Schweizer Teams, übernimmt vor seinem Rücktritt die Rolle des Trösters (hier bei Shaqiri).

(Foto: Paul Hanna/Reuters)

Wo Ottmar Hitzfeld ist, zieht der Erfolg ein. Aber auch viel Drama. Bei seinem letzten Spiel als Trainer wirft seine Schweizer Elf beinahe das große Argentinien aus dem WM-Turnier - und verliert am Ende doch auf qualvolle Weise.

Von Johannes Knuth

Am Ende war es ein Gemälde. Stillleben in der Arena Corinthians zu São Paulo. Der grüne Rasen, darauf rote Kleckse. Lauter Schweizer Nationalspieler, die knieten, darniederlagen, ungläubig Löcher in die Luft starrten. Fast alle waren im Strafraum der Argentinier auf den Boden geplumpst, an jenem Ort, an dem sie bis zuletzt um den Einzug ins Viertelfinale dieser Fußball-WM gerungen hatten. Umsonst.

Ottmar Hitzfeld, ihr Trainer, der sich gerade mit einer qualvollen 0:1-Niederlage nach Verlängerung gegen Argentinien in den Ruhestand verabschiedet hatte, er fehlte in diesem Bild. Hitzfeld ließ die Spieler alleine trauern und er ließ andere sprechen. "So viele Emotionen, so viele Emotionen überall", stammelte Michel Ponts, Hitzfelds Stellvertreter. In der Nacht vor dem Achtelfinale war Hitzfelds 17 Jahre älterer Bruder in einer Basler Klinik an Leukämie gestorben.

Hitzfeld schluckte, als sie die Hymnen spielten, ansonsten ließ er sich nichts anmerken während dieser turbulenten zwei Stunden. "Uns hat am Ende die Kraft in der Offensive gefehlt", fuhr Ponts fort, dann sagte er: "Fußball ist brutal. Ein kleiner Fehler gegen einen großen Spieler ... total brutal."

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Der große Spieler, damit war ein gewisser Lionel Messi gemeint. Der kleiner Fehler, das war ein Ballverlust in der 118. Minute der Verlängerung. Die Argentinier traten den Ball umgehend an Messi ab, klar. Sofort eilten drei, vier Schweizer herbei, so wie sie in den 118 Minuten davor herbeigeeilt waren. Aber diesmal hatte Messi ein, zwei Meter Vorsprung. Messi dribbelte, fünf Meter, fünfzehn, die Schweizer verschwanden im Rückspiegel. Am Horizont tauchten die Innenverteidiger Djourou und Schär auf, doch ihnen fehlte die Absicherung, auf dem Flügel wartete Ángel Di María alleine - 0:1.

Die Schweizer Nachhut kam zu spät. Stephan Lichtsteiner rannte Richtung Tor, während der Ball die Linie übertrat, er rannte einfach weiter, bis er ins Netz prallte. Dort hing er, der Brustkorb pumpte auf und ab, der Blick leer. Noch so ein Bild.

"Wir sind sehr enttäuscht, wir sind kaputt", sagte Lichtsteiner später, "wir hatten Chancen und einen Pfostenschuss gegen eine der besten Mannschaften der Welt. Wir können stolz sein." Zwei Minuten nach Messis Tor hatte Blerim Džemaili aus fünf Metern aufs Tor der Argentinier köpfeln dürfen, Džemaili traf den Pfosten, der Ball prallte an sein Knie. Zweite Chance. Aber Džemaili war zu überrascht, er stolperte den Ball neben das Tor. Dann war das Spiel aus, die Schweizer fielen zu Boden.

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Zu mehr reichte die Kraft nicht mehr.

Ottmar Hitzfeld wartete ein paar Minuten. Er wischte sich mit beiden Händen durch das Gesicht, richtete seine Krawatte. Dann schritt er langsam zu seinen Spielern. Der 65-Jährige wirkte ein wenig unsicher, wie ein Tourist, der sich in der Mittagshitze einer Großstadt verlaufen hat. Man merkte, wie es in ihm arbeitete.