Münchner Olympiastadion Kommerzdenken schlägt Ästhetik

Beim Frauen-Finale der Champions League an diesem Abend kehrt der Fußball kurzzeitig ins ehrwürdige Münchner Olympiastadion zurück. Tatsächlich erzählt gerade die Geschichte dieser schönen Arena viel davon, wie schwierig es heutzutage ist, Stadien zu bespielen, die zwar ein wertvolles Denkmal sind, aber nicht mehr ins Anforderungsprofil eines Unterhaltungsgewerbes passen.

Von Thomas Hahn

Der Olympiaberg ist ein guter Ort, um der Zukunft beim Älterwerden zuzusehen. Denn droben, auf seinem Gipfel, 50 Meter über Münchner Stadtniveau, hat man den besten Blick auf den Olympiapark. Auf dieses ganze raffinierte Ensemble mit Stadion, Hallen, See, Wegen und Hügeln, das einst für die Olympischen Spiele 1972 entstand. Es war mal der letzte Schrei des Sportstättenbaus, außerdem ein Symbol für das neue, weltoffene Deutschland mit seiner eleganten, durchsichtigen Dachkonstruktion. Und wenn man heute draufschaut?

Das Plexiglaszelt wirkt seltsam zeitlos, es schimmert in der Sonne, und den optimistischen Blick in die Zukunft, für das es einst stehen sollte, kann man immer noch darin sehen. Nur die Bauten darunter wirken ein bisschen verlassen, wenn man darüber nachdenkt, was heute noch in ihnen stattfindet. Verlassen vom olympischen Geist, und vor allem vom Fußball.

Es ist gar nicht so einfach, dem Münchner Olympiapark mit seinem Stadion gerecht zu werden, wenn man ihn in diesen Tagen als große deutsche Sportstätte beschreiben möchte, die für die Kultur dieses Landes ein bisschen mehr ist als einfach nur ein beliebiger Raum zur Event-Vermarktung. Lebt der Sport im Olympiapark noch? Oder ist er vor lauter Kommerzdenken irgendwie rausgeflossen aus der Landschaft am Oberwiesenfeld, welche die Architektengruppe um Günter Behnisch einst wachsen ließ?

Der Olympiapark ist nicht mehr das, was er mal war, soviel ist klar, davon lenkt auch die Tatsache nicht ab, dass das Olympiastadion an diesem Donnerstag zum ersten Mal seit sieben Jahren wieder die Bühne für ein ernstzunehmendes Fußballspiel ist. Das Champions-League-Finale der Frauen zwischen Olympique Lyon und dem 1. FFC Frankfurt findet unterm Zeltdach statt, und Arno Hartung, stellvertretender Geschäftsführer und Kommunikationschef der Olympiapark München GmbH (OMG), freut sich darüber. "Wenn es auch nur für einen Tag ist", wie er mit leisem Bedauern hinzufügt.

Tatsächlich erzählt gerade die Geschichte des Olympiastadions viel davon, wie schwierig es heutzutage ist, Arenen zu bespielen, die zwar ein wertvolles Denkmal sind, aber nicht mehr so richtig ins Anforderungsprofil eines Unterhaltungsgewerbes passen. Das Olympiastadion war mal eine Art Zentrale des deutschen Fußballs. Der FC Bayern wuchs hier zum Weltverein, zwischendurch erlebte hier auch 1860 München eine Phase als Bundesligist.

Bis zu 1,8 Millionen Zuschauer jährlich brachte der Fußball zu den Hochzeiten ins Olympiastadion, aber als der FC Bayern sich als Fußballbetrieb weiterentwickeln wollte und das Olympiastadion sich wegen des Denkmalschutzes nicht zu einem voll überdachten, engen Fußballtempel ausbauen ließ, musste er weiterziehen. Am 14. Mai 2005 fertigte der FC Bayern nochmal den 1. FC Nürnberg 6:2 ab - dann zog er weiter zwischen die steilen Tribünen seiner neuen Fußball-Arena in Fröttmaning.

Einen Selbstläufer wie den Fußball, der sowohl Zuschauer bringt, als auch den Ansprüchen der Sportkultur-Kritiker standhält, hat die OMG seither vergebens gesucht. Das Snowboard-Festival Air&Style brachte vier Mal Leben unters Zeltdach. Sonst? Auch einmalige Großereignisse in olympischen Sportarten wie der Leichtathletik, die 2002 stimmungsvolle Europameisterschaften im Olympiastadion hatte, sind nicht beliebig zurückzuholen für ein Wirtschaftsunternehmen wie die OMG. Rechnen muss sich die Aufführung schließlich auch.

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