Mexikos Trainer Herrera Wie eine Bulldogge auf Speed

So sieht Miguel Herrera aus, wenn er sich freut.

(Foto: Getty Images)

Er tanzt, wedelt mit den Armen, wirft seinen Verteidiger zu Boden: Miguel Herrera reißt mit seinem Temperament die Spieler mit - und das Publikum. Schon als Aktiver war er ein aufbrausender Typ. Mit lustigen wie hässlichen Seiten.

Von Javier Cáceres , Belo Horizonte

Viel besser als Adela kann man es mit Mexikos Nationaltrainer Luis Herrera, 46, eigentlich nicht meinen. Adela, muss man dazu wissen, ist ein sehr blonder, sehr langmähniger, sehr koketter TV-Star, der die Berühmtheiten seines Landes zu Plaudereien zu bewegen weiß. Zum Beispiel Herrera. Mitte Mai trafen sich die beiden vor Kameras. Und Adela überreichte Herrera vor der Kulisse palmengesäumter Trainingsplätze ein grünes Täschlein, ein "WM-Überlebens-Kit". Konzentrations-Öle enthielt es, einen Massageknochen aus Holz, Räucherstäbchen, Salze sowie eine (Adela verblüffend ähnliche) Barbiepuppe. Ach ja, und dann war noch etwas dabei, was laut Adela für die Stunden vor den WM-Partien gedacht war, Herrera allerdings in Mexiko vergessen haben muss: Baldrian. Wer am Montagabend das Spiel Mexiko gegen Kroatien (3:1) sah, wird wissen, was gemeint ist. Wer nicht, muss sich nicht sorgen. Die wichtigsten Momente dürften bereits auf den internationalen Videokanälen und Mediatheken gespeichert sein. Luis Herrera hob nämlich die Darstellung der Ekstase auf eine neue Ebene: An der Seitenlinie hüpfte er herum wie eine Bulldogge auf Speed. Ob in Momenten des Zorns oder der Freude - immer ist Herrera ein Fall für biomechanische Studien.

Oder die nächste Documenta in Kassel. Wie viel Explosivität und Leidenschaft, wie viel Spontaneität und Euphorie in einen Menschen passt, wenn er jede Form von Schamgefühl vergisst, war wahrscheinlich auch den wichtigsten Forschern unbekannt. Bei Spielen Mexikos muss man für jede Wendung, jede unvorhergesehene zumal, dankbar sein. Denn sie fördert eine unvergessliche Performance der mexikanischen Version eines entfesselten Rumpelstilzchens zutage. Mehr als an einen Coach erinnert Herrera an die Restaurantbesucher, die beim Mexikaner die Chilischote unterm Salatblatt übersehen haben. Allerdings 90 Minuten lang.

Im Spiel gegen Kroatien war das zu beobachten, als den Mexikanern beim Stand von 0:0 ein Handelfmeter verweigert wurde. Da wedelte Herrera mit den Armen, als ob er 36-Kilo-Hanteln heben würde. Noch rührender war seine Performance nach dem 2:0 durch Guardado. Da stürzte Verteidiger Paul Aguilar auf seinen Vorgesetzten Herrera zu, rang ihn zu Boden und fabrizierte eine Szene, die es nur knapp durch die totalitäre Fifa-Bilderzensur schaffte: Eine satirische Kopulationsinszenierung in einem freien Tanztheaterstück hätte der Einlage von Herrera und Aguilar in nichts nachgestanden.

Dass Herrera die Mexikaner überhaupt zur WM führen durfte, hat viel mit dem Chaos in der Qualifikationsrunde zu tun. In der Nord- und Mittelamerikagruppe verfehlten die Mexikaner zunächst hinter den USA, Costa Rica und Honduras die Direktqualifikation, im Herbst 2013 wurde Herrera für die Relegationsspiele gegen Neuseeland geholt. Ihm wurde zugetraut, einer toten Mannschaft Leben einzuhauchen.

Mit Wucht ins unheilvolle Achtelfinale

Ein Remis hätte für den Einzug in die nächste Runde gereicht, doch die Mexikaner starten sogar einen Sturmlauf auf den Gruppensieg. Zum sechsten Mal in Serie stehen sie nun im Achtelfinale. Das Problem: Dort ist die Bilanz miserabel. mehr ...