Manuel Neuer bei der Fußball-WM Titanischer Lausbub

Manuel Neuer: Torwart der Zukunft

(Foto: AP)

Manuel Neuer ist das Torwartwesen aus der Zukunft: Er interpretiert seine Rolle so modern, dass sich sogar die Moderne wundert. Der Deutsche weiß aus der Geschichte, dass ihm die WM allen Ernst abverlangt. Doch der fällt Neuer nicht immer leicht.

Von Christof Kneer, Santo André

Im Jahr 2002 hatten die Spieler einer Weltmeisterschaft zum letzten Mal richtig Angst vor Torhütern. Beim Turnier in Japan und Südkorea hatten zum Beispiel die Deutschen einen Menschen dabei, der aus einem Übergangsmetall hergestellt war, das im Periodensystem in der vierten Nebengruppe steht. Oliver Kahn war fest, dehnbar, korrosions- und temperaturbeständig, er bestand zu 100 Prozent aus Titan, und wenn man es sich genau überlegt, dann ist es eigentlich ein Wunder, dass die Fifa das damals hat durchgehen lassen. Kahn hat unter lauter Menschen gespielt, das war im Grunde Wettbewerbsverzerrung.

Einmal, im WM-Vorrundenspiel gegen Kamerun, ist ein Mensch namens Olembe auf ihn zugelaufen; Olembe stand völlig frei, aber er hat dann vorbeigeschossen. Oh, dieser Kahn, hat er später gesagt, er habe so Respekt vor ihm gehabt. Oliver Kahn war auf der Höhe seiner Kunst damals, oder besser: seiner Macht. Die Stürmer haben kapituliert, weil Kahn Kahn war.

Das war der eine Torwart, vor dem die Welt damals Angst hatte. Vor dem anderen hatten sogar die Deutschen Angst. Selbst Kahns Titan wurde etwas weicher, als im WM-Achtelfinale gegen Paraguay kurz vor Schluss José-Luis Chilavert in seiner Nähe auftauchte. Der Torwart Chilavert war ein gefürchteter Freistoßschütze, und das wollte Kahn, der Korrosions- und Temperaturbeständige, auf gar keinen Fall: dass ihm dieser Chilavert einen reinschießt. Kahn hätte das als massive Demütigung empfunden, aber so weit kam es natürlich nicht. Chilavert lief an und schoss drüber.

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Zwölf Jahre später hat die Welt wieder Angst vor einem Torwart, obwohl dieser Torwart weder aus 100 Prozent Titan besteht noch Freistöße schießt. Wobei: Das mit den Freistößen kann ja noch kommen.

Vielleicht ist es auch falsch zu behaupten, dass die Welt im Moment wieder Angst vor einem Torwart hat. Gigi Buffon ist Torwart, Iker Casillas ist Torwart, Petr Cech ist Torwart, das sind bekannte Namen und klar definierte Berufsbilder. Manuel Neuer dagegen ist kein Torwart mehr. Er ist etwas Neues.

Epoche Kahn ist überwunden

Es ist Neuers historisches Verdienst, dass es im Achtelfinale zwischen Deutschland und Algerien die wohl radikalste Leistung einer Nummer eins in der WM-Geschichte zu sehen gab. Chilavert fällt dabei aus der Wertung, ebenso wie der Kolumbianer René Higuita, der nach Regeln, die nur er verstand oder nicht mal er, quer übers Spielfeld gerannt ist. Einmal hat Higuita eine Flugparade gemacht, die man heute noch bei Youtube findet, er ist vorwärts unterm Ball durchgesprungen und hat ihn hinterrücks mit der Hacke weggehauen. Higuita war deshalb kein moderner Torwart, er war seiner Zeit auch nicht voraus. Er war einfach nur verrückt.

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Manuel Neuer hat 59 Ballkontakte gehabt gegen Algerien, 19 davon außerhalb des Strafraums. Er ist 5,517 Kilometer gelaufen, drei mehr als der Torwartkollege auf der anderen Seite. Neuer hat das nicht gemacht, weil er zu Youtube will, sein Spiel hat keine Schrullen wie das von Chilavert oder Higuita. Neuer ist nicht verrückt. Er ist nur so modern, dass sich manchmal selbst die Moderne wundert.

Oliver Kahn war Deutschlands letzter Torwart. Er hat jene Epoche, die bei Heiner Stuhlfauth begann und über Toni Turek, Sepp Maier und Toni Schumacher zu Oliver Kahn führte, zur Vollendung gebracht. Manuel Neuer hat diese Epoche überwunden: Bei der WM zeigt er der Welt den ersten elften Feldspieler - und trotzdem ist er immer noch fest, dehnbar, korrosions- und temperaturbeständig wie ein echter Torwart. Neuer kann 40 Meter vor dem Tor Bälle ablaufen, abgrätschen und ins Passspiel einen Hüftwackler integrieren - er kann aber den Ball auch immer noch aus dem Winkel fischen, wie man gemeinhin in der Oliver-Kahn-und-Toni-Schumacher-Fachsprache sagt.