WM-Aus für Leroy Sané Löw kommt doppelt in die Klemme

Bekam von Löw eine Abfuhr: Offensivdribbler Leroy Sané.

(Foto: REUTERS)

Leroy Sané hat sich in England unter Härtebedingungen bewährt, gleichzeitig sagt der Bundestrainer, dass sein Aus nichts mit der Einstellung des Hochbegabten zu tun habe. Das passt kaum zusammen.

Kommentar von Philipp Selldorf

Laut des seriösen Daily Telegraph waren die Spieler von Manchester City mehr als erstaunt über die heftige verbale Abreibung, die Pep Guardiola ihrem Kollegen Leroy Sané in der Halbzeit des Pokalspiels in Wigan verpasste. Angeblich hörte man die zornige Rede des spanischen Trainers bis raus auf den Korridor; Guardiola soll Sané schwachen Einsatz und Verstöße gegen den taktischen Matchplan vorgeworfen haben. Schon im Januar, ein paar Wochen zuvor, hatte Guardiola dem jungen Deutschen bescheinigt, sein Spiel enthalte immer noch "große Fehler". Im Sommer hatte er bereits Sanés Saisonvorbereitung kritisiert.

Auch in der Nationalmannschaft wurde Sané, 22, schon mit kritischen Reaktionen von Kameraden konfrontiert. Und jetzt beim Länderspiel in Österreich war er zwar auffallend oft versucht sich zu zeigen, aber wenn er auch oft zu sehen war, so geschah es doch selten zu seinem Vorteil. Nun hat der Bundestrainer den schnellen Flügelmann aus seinem WM-Kader gestrichen, und mancher Beobachter im Südtiroler Trainingslager wertete diesen Entscheid als Quittung für überhebliches Jung-Star-Gehabe - zwar hat Sané weder etwas Böses gesagt noch etwas Übles getan, doch sein Image hat man ihm trotzdem schon verpasst.

So geriet Löw durch seine Kader-Wahl gleich doppelt in die Klemme. Einerseits, weil er versichern musste, dass er keineswegs an Sanés Umgangsweisen Anstoß nimmt ("Leroy hat sich sehr korrekt und gut verhalten"), andererseits weil er den Verzicht auf ein Spitzentalent erklären sollte, das sich in der Premier League unter Härtebedingungen bewährt hat. Denn Guardiola mag ab und zu mit Sané geschimpft haben, die Einsatzbilanz spricht dennoch für ein exzellentes Verhältnis zwischen Trainer und Profi: Als definitiver Stammspieler hat der Flügelstürmer 49 Partien für Manchester City bestritten, dabei 15 Tore geschossen und 19 Torvorlagen gegeben.

Den hochproduktiven City-Sané hätte Löw sicher mitgenommen, den bisher unproduktiven DFB-Sané schickte er heim.

Warum aber ist der Unterschied so eklatant? Sanés hyperaktiver Auftritt am Samstag mag Löw in seinem Zweifeln bestätigt haben, doch der Trainer dürfte selbst wissen, dass das Österreich-Spiel ein schlechter Maßstab war: Die Spieler, die sich ihres WM-Tickets nicht sicher sein konnten, standen unter erkennbar ungesundem Bewährungsdruck. Der mediale Voyeurismus, der das Prozedere der Kaderauslese bis zur Meldung am Stichtag begleitet, hat inzwischen unangenehme Ausmaße angenommen. Er verunsichert und beeinträchtigt die betroffenen Spieler - und macht Löw die Entscheidung noch schwieriger. Was Sané hervorhebt - sein Tempo, sein Draufgängertum, seine Soli und Dribblings -, das hat er in der Premier League oft genug vorgeführt. Fußballer mit diesen Fähigkeiten sind sehr selten, im deutschen WM-Kader gibt es nun keinen mehr davon.

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