Leichtathletik-Skandal Hunderte Seiten voller Ferkeleien

Die 1500-Meter-Olympiasiegerin Aslı Çakır Alptekin (re.) wollte laut Medienberichten nicht zahlen - mittlerweile ist sie gesperrt und verlor ihre Goldmedaille.

(Foto: Ian Walton/Getty)

Ließ der frühere Chef der Welt-Leichtathletik gedopte Athleten erpressen? Ein Bericht könnte russische Medaillengewinner von 2012 in große Schwierigkeiten bringen.

Von Johannes Knuth

Der Anwalt Richard McLaren ist recht gut vertraut mit den Ferkeleien des Weltsports. McLaren arbeitet seit Jahren für den Internationalen Sportgerichtshof Cas, er hat am "Mitchell-Report" mitgewirkt, einem Aufsatz, der dem amerikanischen Profi-Baseball ein flächendeckendes Dopingproblem attestierte. Seit einem Jahr ermittelt McLaren nun für eine Einheit der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada; die Wada hatte sie installiert, um zu überprüfen, was die ARD im vergangenen Dezember über systematischen Betrug in der russischen Leichtathletik berichtet hatte.

Am Montag stellt die Kommission ihren Abschlussreport vor, mehrere hundert Seiten lang. Seit Tagen tropfen bereits schmutzige Details nach draußen. Am Wochenende war es McLaren selbst, der sagte: "Dies ist eine ganz neue Dimension von Korruption im Vergleich zur Fifa. Dieser Report wird den Sport grundlegend verändern."

Ermittlung gegen Diack - IAAF-Zentrale durchsucht

Der Leichtathletik-Weltverband kommt nicht zur Ruhe: Jetzt läuft ein Ermittlungsverfahren gegen den Ex-Präsident - in Paris kommt es zu einer Razzia. mehr ...

Die Leichtathletik hat ein düsteres Jahr hinter sich, und die finstersten Tage stehen ihr offenbar erst noch bevor. Am vergangenen Mittwoch bestätigten französische Ermittler, dass sie die alte Administration des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF durchleuchten. Lamine Diack, der ehemalige Präsident, sein Anwalt, seine Söhne Papa Massata und Khalid sowie Gabriel Dollé, der ehemalige Chef der medizinischen Abteilung - sie alle sollen das Anti-Doping-Ressort als Geschäftsfeld genutzt haben, um sich zu bereichern.

Hatte ein Dopingtest ausgeschlagen, ging bei Athleten angeblich nicht selten eine Zahlungsaufforderung ein. Wer zahlte, durfte weitermachen, wer nicht, wurde gesperrt; so lief das wohl auch bei der Türkin Aslı Çakır Alptekin, der Olympiasiegerin über 1500 Meter in London 2012.

Am Sonntag rollte dann eine neue Welle an Vorwürfen heran. Die britische Zeitung Sunday Times berichtete, sie habe eine Liste mit acht russischen Athleten aufgetan. Laut französischen Ermittlern hätte die IAAF die Athleten vor den Spielen 2012 sperren müssen. Stattdessen sollen sie sich mit Hilfe einer siebenstelligen Summe freigekauft haben. Ein Athlet wurde später Olympiasieger, ein anderer gewann Silber.

Die neuen Vorwürfe passen recht gut in jenes Geflecht, das die ARD vor einem Jahr freigelegt hatte: dass Athleten in Russland systematisch betrogen hätten, gefördert vom Staat, geduldet von der IAAF. Die Wada-Ermittler stießen nun offenbar auf ähnliches: Diacks Anwalt sowie Papa Massata bildeten wohl das Scharnier zwischen der IAAF und dem russischen Verband. Sie sollen in Moskau Listen mit gedopten Athleten präsentiert und mit den Russen gefeilscht haben, wen man enttarnen würde und wen nicht. Alexej Melnikow, damals Cheftrainer der Leichtathleten, trieb das Geld bei den Athleten ein, zum Beispiel bei Lilija Schobuchowa, einer Marathonläuferin; sie soll knapp 570 000 Dollar entrichtet haben.

Geld oder Sperre: Die Familie des ehemaligen IAAF-Präsidenten Lamine Diack soll Sportlern angeboten haben, sich freizukaufen.

(Foto: Kin Cheung/AP)

Die Geldflüsse wurden dann über eine Strohfirma in Singapur an Funktionäre gelenkt, offenbar unter Mithilfe von Walentin Balachnitschew, einst Chef des russischen Leichtathletik-Verbandes und IAAF-Schatzmeister. "Bei der Fifa haben sich alte Männer viel Geld in die Taschen gesteckt", sagte McLaren und ergänzte mit Blick auf die IAAF: "Hier haben sich alte Männer Geld in die Taschen gesteckt, mit Erpressung und Schmiergeldern - vor allem aber haben sie massiv in Ergebnislisten und Wettkämpfe eingegriffen." Eine ganz neue Dimension eben.