Süddeutsche Zeitung

Leichtathletik-Skandal:Hunderte Seiten voller Ferkeleien

Lesezeit: 3 min

Ließ der frühere Chef der Welt-Leichtathletik gedopte Athleten erpressen? Ein Bericht könnte russische Medaillengewinner von 2012 in große Schwierigkeiten bringen.

Von Johannes Knuth

Der Anwalt Richard McLaren ist recht gut vertraut mit den Ferkeleien des Weltsports. McLaren arbeitet seit Jahren für den Internationalen Sportgerichtshof Cas, er hat am "Mitchell-Report" mitgewirkt, einem Aufsatz, der dem amerikanischen Profi-Baseball ein flächendeckendes Dopingproblem attestierte. Seit einem Jahr ermittelt McLaren nun für eine Einheit der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada; die Wada hatte sie installiert, um zu überprüfen, was die ARD im vergangenen Dezember über systematischen Betrug in der russischen Leichtathletik berichtet hatte.

Am Montag stellt die Kommission ihren Abschlussreport vor, mehrere hundert Seiten lang. Seit Tagen tropfen bereits schmutzige Details nach draußen. Am Wochenende war es McLaren selbst, der sagte: "Dies ist eine ganz neue Dimension von Korruption im Vergleich zur Fifa. Dieser Report wird den Sport grundlegend verändern."

Die Leichtathletik hat ein düsteres Jahr hinter sich, und die finstersten Tage stehen ihr offenbar erst noch bevor. Am vergangenen Mittwoch bestätigten französische Ermittler, dass sie die alte Administration des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF durchleuchten. Lamine Diack, der ehemalige Präsident, sein Anwalt, seine Söhne Papa Massata und Khalid sowie Gabriel Dollé, der ehemalige Chef der medizinischen Abteilung - sie alle sollen das Anti-Doping-Ressort als Geschäftsfeld genutzt haben, um sich zu bereichern.

Hatte ein Dopingtest ausgeschlagen, ging bei Athleten angeblich nicht selten eine Zahlungsaufforderung ein. Wer zahlte, durfte weitermachen, wer nicht, wurde gesperrt; so lief das wohl auch bei der Türkin Aslı Çakır Alptekin, der Olympiasiegerin über 1500 Meter in London 2012.

Am Sonntag rollte dann eine neue Welle an Vorwürfen heran. Die britische Zeitung Sunday Times berichtete, sie habe eine Liste mit acht russischen Athleten aufgetan. Laut französischen Ermittlern hätte die IAAF die Athleten vor den Spielen 2012 sperren müssen. Stattdessen sollen sie sich mit Hilfe einer siebenstelligen Summe freigekauft haben. Ein Athlet wurde später Olympiasieger, ein anderer gewann Silber.

Die neuen Vorwürfe passen recht gut in jenes Geflecht, das die ARD vor einem Jahr freigelegt hatte: dass Athleten in Russland systematisch betrogen hätten, gefördert vom Staat, geduldet von der IAAF. Die Wada-Ermittler stießen nun offenbar auf ähnliches: Diacks Anwalt sowie Papa Massata bildeten wohl das Scharnier zwischen der IAAF und dem russischen Verband. Sie sollen in Moskau Listen mit gedopten Athleten präsentiert und mit den Russen gefeilscht haben, wen man enttarnen würde und wen nicht. Alexej Melnikow, damals Cheftrainer der Leichtathleten, trieb das Geld bei den Athleten ein, zum Beispiel bei Lilija Schobuchowa, einer Marathonläuferin; sie soll knapp 570 000 Dollar entrichtet haben.

Die Geldflüsse wurden dann über eine Strohfirma in Singapur an Funktionäre gelenkt, offenbar unter Mithilfe von Walentin Balachnitschew, einst Chef des russischen Leichtathletik-Verbandes und IAAF-Schatzmeister. "Bei der Fifa haben sich alte Männer viel Geld in die Taschen gesteckt", sagte McLaren und ergänzte mit Blick auf die IAAF: "Hier haben sich alte Männer Geld in die Taschen gesteckt, mit Erpressung und Schmiergeldern - vor allem aber haben sie massiv in Ergebnislisten und Wettkämpfe eingegriffen." Eine ganz neue Dimension eben.

Sollte sich das alles bestätigen, würde Diack eine Beförderung zuteil: vom Kleinganoven zu einem der größten Sportkriminellen, vom Hüter des olympischen Kernsports hin zum Erpresser, der Glaubwürdigkeit und Werte des Sports verrät. Diack, ein ehemaliger Weitspringer aus dem Senegal, war vor 16 Jahren an die IAAF-Spitze gerückt. Bisher war nur bekannt, dass ein Teil des Schmiergeldstroms aus der ehemaligen Sportrechtefirma ISL an ihn geflossen war, 41 500 Dollar in drei Tranchen. Jean-Marie Weber, jener Geldkurier, der für die ISL Sportfunktionäre schmierte, habe ihm das Geld gespendet, erklärte Diack einst, weil sein Haus niedergebrannt war.

Das IOC verwarnte ihn. Diacks Amtszeit umrankten auch sonst diverse Skandälchen, doch meistens waren es seine Untergebenen, die bestraft wurden. Dollé zum Beispiel, der vor einem Jahr kommentarlos aus der IAAF verschwand. Und Papa Massata, der einst Sponsorenverträge im Auftrag der IAAF verkaufte und von Katar 4,5 Millionen Euro verlangt haben soll, im Rahmen der WM-Bewerbung 2017.

Am Wochenende, weit nach Anbruch der Affäre, flüchtete dann auch Diacks Nachfolger Sebastian Coe aus seiner Stille. Coe war vor zwei Monaten in Peking ins Amt gehievt worden, er hatte Diack mit Elogen eingenebelt, die so unerträglich waren wie zu dick aufgetragenes Parfüm. Diack werde immer sein "geistiger Präsident" sein, sagte Coe. Berichte, wonach sich die IAAF nicht genug im Anti-Doping-Kampf angestrengt habe, klassifizierte er als "Kriegserklärung". Und jetzt? Dass ehemalige Funktionäre, Coe nannte sie nicht beim Wort, in großem Stil den Sport manipuliert haben sollen, sei "widerlich".

Von Erpressung habe er, der acht Jahre lang bei Diack als Vizepräsident in die Lehre gegangen war, aber "keine Kenntnis". Eine unabhängige Kommission werde sich mit der Affäre beschäftigen. Außerdem ermittle die IAAF-Ethikstelle gegen die Beschuldigten. Bis auf Diack senior. Coes geistiger Präsident steht unter Schutz, so lange wie möglich.

Manchmal wirkt die IAAF in diesen Tagen so, als würde sie versuchen, einen Großbrand mit Wasserpistolen zu löschen - während ständig neue Brandherde aufflammen. Die Wada drohte, man werde Kenia aus der olympischen Familie verbannen, sollte sich der nationale Verband nicht endlich im Anti-Doping-Kampf anstrengen. Kenia hatte bei der WM in Peking die Medaillenwertung gewonnen, die Leichtathleten haben seit 2012 aber auch 38 positive Fälle produziert. Am Samstag gelobten die Funktionäre Besserung. "Der Weg zur Erlösung wird lang", sagte Coe am Sonntag. Er ahnt wohl, dass sich die Dinge noch einmal verschlechtern werden.

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SZ vom 09.11.2015
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