Kommentar Fußballklubs sehen Kinder als Lotterielose

Weil Vereine den neuen Messi suchen, wollen sie Spieler schon möglichst jung holen. Das ist aber eigentlich verboten.

(Foto: Jasper Juinen/Getty Images)
  • Durch die Transfersperre gegen Real und Atlético Madrid will die Fifa beweisen, dass sie auch in ihrer Krise handlungsfähig ist.
  • Doch das Verbot zum Transfer Minderjähriger ist in der Praxis leicht zu umgehen.
  • Vereine spekulieren mit der Verpflichtung von Talenten in der Hoffnung, den nächsten Messi zu finden.
Kommentar von Claudio Catuogno

Der Junge war 13. Und viel zu klein für sein Alter. 1,43 Meter. Somatotropinmangel. Zu Hause in Argentinien war Wirtschaftskrise, eine teure Hormonbehandlung konnten sich die Eltern nicht leisten. Also wanderte die ganze Familie nach Barcelona aus. Seinen ersten Vertrag als Fußballer unterschrieb der Winzling auf einer Serviette. Und die Wachstumshormone gab's gratis dazu. 600 Euro im Monat ließ sich der FC Barcelona die Therapie kosten. Das Geld hat der Klub aber längst wieder drin. Der Marktwert von Lionel Messi, 28 Jahre inzwischen und 1,69 Meter, beträgt über 100 Millionen Dollar.

Der Weltverband Fifa hat Messi gerade zum fünften Mal als Weltfußballer ausgezeichnet. Zweiter wurde Cristiano Ronaldo, 30, der als Zwölfjähriger seine Heimatinsel Madeira verließ und sich Sporting Lissabon anschloss. Messi, Ronaldo, einmal im Jahr verbeugt sich die Branche vor ihren Ausnahmekönnern. Bloß an eines wird dann lieber nicht erinnert: wie sie wurden, was sie sind.

Darf man einem 13-Jährigen das Wohl der Familie aufbürden?

Darf man das als Fußballklub: ein Kind unter Vertrag nehmen? Es in die Fremde locken mit der fernen Aussicht auf eine Profikarriere? Raus aus dem Elternhaus, rein ins Internat? Oder gleich ganze Familien über den Globus verpflanzen mit dem Versprechen, dass alle ein gutes Auskommen haben werden dank der Zauberfüße des Juniors? Kann man einem 13-Jährigen aufbürden, dass das Wohl des ganzen Clans ab jetzt von seinem Gedeihen als Fußballer abhängt?

Real bleiben 15 Tage für einen Ronaldo-Ersatz

Nach dem Transferverbot hat Real Madrid nur noch wenig Zeit, um neue Spieler einzukaufen. Der Klub könnte mit dem Verkauf seines besten Spielers einen europaweiten Wechselwahnsinn auslösen. Von Oliver Meiler mehr ...

Die Transfersperren der Fifa gegen Real und Atlético Madrid mögen auch ein Signal in eigener Sache sein: Präsident Blatter suspendiert, das Image eine Katastrophe - aber soll bloß keiner denken, dass wir nicht handlungsfähig sind! Vor allem ist die Strafe aber ein Beleg dafür, dass selbst dieser auf diskrete Deals und gigantische Gewinnmargen gebürstete Fußball-Weltverband nicht bereit ist, sämtlichen Auswüchsen des Kinderhandels seinen Segen zu geben.

Die großen Klubs kaufen die Lose gleich reihenweise - egal, wie viele Nieten im Korb sind

Der FC Barcelona hat gerade auch so ein Jahr Transfersperre hinter sich. Nicht wegen Messi - als der Argentinier im Jahr 2000 nach Katalonien umsiedelte, gab es die Fifa-Beschränkungen noch nicht. Sondern wegen Theo Chendri aus Frankreich, Bobby Adekanye aus den Niederlanden, Antonio Sanabria aus Paraguay, Seung Woo Lee, Paik Seung-Ho und Jang Gyeolhee aus Südkorea sowie Patrice Sousia, Giancarlo Poveda, Andrei Onana und Maxi Rolón aus Kamerun. Alles Minderjährige, die der Klub zwischen 2009 und 2013 vertraglich an sich gebunden hatte. In der Hoffnung, dass einer von ihnen mal der neue Messi wird - der Hauptgewinn in einer europaweit gespielten Lotterie, bei der diejenigen, die mit den dicksten Geldbörsen rumlaufen, die Lose gleich körbeweise kaufen. Egal, wie viele Nieten drin sind. Zumal ja auch Nieten noch Geld bringen, wenn ein Klub wie Barça sie weiterverkauft.

Die Hilfsorganisation Foot Solidaire schätzt, dass jährlich alleine aus Afrika bis zu 15 000 Jugendspieler in englische, spanische, deutsche oder andere europäische Klubs abwandern. Und diese Zahl steht nun in einem gewissen Widerspruch zum Verdikt der Fifa, dass Fußballer mindestens 16 sein müssen, ehe man sie kaufen und verkaufen darf. So richtig verhindern will die Fifa das blühende Geschäft nämlich auch nicht. So dürfen Minderjährige etwa straflos wechseln, wenn ihre Eltern "aus Gründen, die nichts mit dem Fußballsport zu tun haben", im neuen Land einen Job annehmen. Man ahnt gar nicht, wie viele Jobs als Hausmeister oder Gärtner in Europas Fußballmetropolen aus Gründen, die rein gar nichts mit dem Fußballsport zu tun haben, an die Eltern von Talenten vergeben werden.