Jupp Heynckes Bayerns Gott der kleinen Dinge

Hat vieles verändert: Jupp Heynckes beim FC Bayern

(Foto: dpa)
  • Thomas Müller und Sven Ulreich entscheiden das Spiel beim 1:0-Sieg des FC Bayern in Stuttgart.
  • An der Entwicklung der beiden lässt sich erkennen, wie Trainer Jupp Heynckes arbeitet.
Von Christof Kneer, Stuttgart

Für Michael Reschke war es das zweite besondere Heimspiel nacheinander. Vor einer Wochen ist der Sportvorstand des VfB Stuttgart seiner ferneren Vergangenheit in Form von Bayer Leverkusen begegnet, am Wochenende traf er nun den FC Bayern, der bis vor Kurzem noch Reschkes Gegenwart war. Reschke stand später also in der Mixed Zone, und im feindlichen Bayernhemd liefen ihm lauter Spieler über den Weg, die er einst selbst in dieses Bayernhemd hineingesteckt hatte. Kingsley Coman bekam eine Umarmung sowie eine liebevolle Beschimpfung ab, weil er es gewagt hatte, Bayerns Siegtor durch Thomas Müller (79.) vorzubereiten. Auch Arturo Vidal, Joshua Kimmich, Corentin Tolisso und Sven Ulreich gehen aufs Konto des früheren Bayern-Funktionärs, was Reschkes Emotionen einen recht bunten Abend bescherte. Es ist ja schön zu sehen, wenn man die eigenen Empfehlungen siegen sieht, bloß: Gegen die neue eigene Mannschaft hätte das ja nicht gerade sein müssen.

Dass der eine undankbare Kerl das Tor des Tages vorlegt und der andere in der Nachspielzeit noch einen Elfmeter wegfischt: Das geht natürlich gar nicht.

Zum dritten Mal in Serie haben die Bayern jetzt mit 1:0 gewonnen, in Stuttgart, gegen Köln, in Frankfurt. Wäre Reschke noch Bayer, würde er diese kleine Serie bedingungslos gut finden, weil er ja den Unterschied sehen und spüren würde. Reschke hat da öffentlich nie drüber sprechen können, aber am Ende seiner Münchner Zeit hat ihn schon die Sorge um seine Entdeckungen umgetrieben. Er hat ja gesehen, dass sich weder Coman noch Tolisso unter Carlo Ancelotti gemäß ihren Talenten entwickelt haben, er hat gewusst, wie sehr Kimmich leidet, weil der mehr trainieren wollte, aber nicht durfte.

Die Partie in Stuttgart reicht eigentlich für eine Zwischenbilanz der Hinrunde

Und dann kam Jupp Heynckes - den Reschke beim Klassentreffen der Reschke Allstars in Stuttgart natürlich auch umarmt hat - und hat Kingsley Coman erklärt, dass seine Sprints bestimmt ganz toll sind, dass er vorm Flanken aber lieber etwas abbremsen sollte. Seitdem bremst Coman wirklich meistens, bevor er abspielt. Dummerweise kommen seine Zuspiele jetzt halt so präzise, dass daraus Tore gegen Stuttgart entstehen.

Heynckes, 72, ist in München der Gott der kleinen Dinge. Er erfindet keinen einzigen Fußball neu, aber er ist sehr ausdrücklich der Meinung, dass das auch nicht seine Aufgabe ist. Heynckes gibt kleine Hilfestellungen wie bei Coman oder bei Kimmich, dem er ebenfalls empfahl, nicht immer nur aus vollem Lauf zu flanken. Er achtet auf die Statik im Spiel und auf korrekt ausgeführtes Positionsspiel, und er findet Worte, die seine Spieler in Herz und Hirn treffen. Die Formulierung, wonach ein Trainer seine Spieler nicht mehr erreiche, ist von klischeehafter Scheußlichkeit und gehört in die hinterste, der Öffentlichkeit kaum zugänglichen Ecke des Fußballmuseums. Bei Heynckes darf man die Formulierung aber guten Gewissens umdrehen und es sogar laut sagen: Ja, er erreicht seine Spieler.

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Wenn nun nach 17 Spielen eine Vorrundenbilanz gezogen wird, dann reicht es, beim FC Bayern die Partie in Stuttgart heranzuziehen. An jenen beiden Spielern, die diese Partie entschieden haben, lässt sich stellvertretend erkennen, wie Heynckes arbeitet. Den Torwart Ulreich hat er so glaubwürdig großgeredet, dass der womöglich vergessen hat, dass er die schwerste Aufgabe der Welt zu lösen hat: Er muss Manuel Neuer ersetzen. Das tut Ulreich plötzlich mit enormer Selbstverständlichkeit, und für alle, die das noch nicht wussten, hatte irgendwer - war das etwa auch Jupp Heynckes? - diese irre Schlusssequenz bestellt.