IOC-Entscheidung über Tokio 2020 Wenn der Wind sich dreht

Das IOC muss sich bei der Olympia-Vergabe zwischen drei Problemfällen entscheiden und wählt die realste Gefahr. Dass sich Tokio als Sieger feiern lassen kann, hat aber auch mit dem übermäßigen Stolz der Spanier zu tun - und der eigenwilligen Strategie von Ahmed al-Sabah.

Ein Kommentar von Thomas Kistner

Eine unmittelbare Folge der Kür Tokios zur Sommerspiel-Stadt 2020 könnte nun sein, dass der Sport in kürzester Zeit jede Menge Spezialisten für Nuklear-Fragen hervorbringt. Aber wie die echten Experten das Gefährdungspotenzial in Fukushima, rund 250 Kilometer vom Spieleort entfernt, auch immer einschätzen mögen: Ein bisschen ungemütlich ist dieses Votum schon.

Zwar konnte sich das IOC diesmal nur einen Problemfall unter dreien aussuchen, doch wirkt keine der zur Kür aufgereihten Gefahren realer als die atomare. Madrid hat gewaltige Finanznöte und bei den Budgetangaben gewiss geschummelt; Istanbul liegt an politischen Brennpunkten und könnte selbst einer werden. Aber wie sieht es dort 2020 aus?

Tokio gilt als die krisensicherste Wahl. Man muss nur ignorieren, dass sich die Jugend der Welt nun auf einen ganz besonderen Ort vorzubereiten hat. Weiß man wirklich, ob und wie sich die Strahlungsgefahr über die nächsten Jahre eindämmen lässt? Was ist mit der steten Erdbeben-Bedrohung, die Spiele-Gegner vergeblich beschworen haben? Zu vermuten ist, dass der Weltsport erst jetzt über solche Fragen nachzudenken beginnt.

Das liegt auch daran, dass dies eine Wahl unter Hinterbänklern war, die bisher nie wirklich im Fokus von Fachdebatten stand. Auch hat sich das Fukushima-Problem erst in den vergangenen Wochen noch einmal verschärft. Den Spitzenplatz verdankte Tokio am Ende wohl einer Strafaktion der Ringe-Herren gegen das allzu stolze Madrid. Dies legen Spaniens Last-Minute-Kapriolen in Buenos Aires ebenso nahe wie das entlarvende Wahlverhalten. Es gibt halt etwas, das IOC-Mitglieder gar nicht schätzen, kaum mehr als Korruption oder Doping: Respektlosigkeit.

Die fand sich nicht nur in Spaniens übermütiger Presse zuhauf, sondern auch in den umraunten Wahlkampfstrategien des Königsmachers Ahmed al-Sabah. Der Scheich aus Kuwait, Chef aller Olympiakomitees, erschien Madrid so zugeneigt, dass manche in den Hotelfluren das Städtevotum schon als Probelauf für die Präsidentenkür am Dienstag bezeichneten. Da hebt al-Sabah den deutschen Kandidaten auf sein Schild; argentinische Zeitungen karikieren ihn bereits in einem Thomas-Bach-Trikot. Sieht man nun, wie enorm sich der Wind um Madrid am Ende drehte, dürfte auch der Scheich zur Abstrafung des forschen Kandidaten beigetragen haben.

Am Dienstag steht wieder ein Kandidat im Ring, dessen Dominanz manche Gemüter erhitzt und den viele als sicheren Sieger sehen. Auch der Scheich. Vielleicht hat er ja mit Madrid nur geblufft, nach dem Motto: Besser ein Scharmützel verlieren als die ganze Schlacht.

Fliegende Arme und lange Gesichter

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