Intoleranz im Fußballstadion Kampf um die Tribünen

30, 40, manchmal mehr als 50 Neonazis stehen bei jedem Heimspiel des TSV 1860 München in Block 132.

(Foto: Lisa Sonnabend)

Neonazis recken die Fäuste in die Luft, in den Kurven echauffiert sich die Masse: "Was für ein schwuler Pass!" Wochenende für Wochenende erlebt der Fußball Rassismus und Homophobie. Warum ist das Problem so schwer in den Griff zu bekommen? Eine Spurensuche in der Münchner Arena.

Von Lisa Sonnabend

Herbert Schröger vermiest sich mal wieder selbst einen Stadionbesuch. Der 55-Jährige steht in der Fröttmaninger Arena, Block 132, gleich rechts hinter dem Tor. Der TSV 1860 München spielt gegen Eintracht Braunschweig. Vor ihm: rund 40 Gestalten, deren Gesinnung unschwer zu erkennen ist. Die Köpfe kahl rasiert und kantig frisiert, martialische Tattoos im Nacken, Bomberjacken über den Vereinstrikots. Einige recken die Fäuste in die Luft, die Stimmung ist aggressiv. Doch Schröger geht nicht weg. Der 1860-Anhänger kommt nicht nur zum Fußballschauen ins Stadion.

Auf seinem T-Shirt prangt eine Faust, die ein Hakenkreuz zertrümmert. Es ist das Symbol der Initiative "Löwenfans gegen Rechts". Schröger sagt: "Ich bin ein 1860-Anhänger, der bestimmte Dinge nicht haben will." Und die Neonazis im Block 132, die will er gar nicht haben. Seit 20 Jahren versucht Schröger mit anderen Löwenfans, ihnen den Aufenthalt so unangenehm wie möglich zu machen.

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"Die Neonazis wissen, dass wir darauf warten, dass sie sich danebenbenehmen", sagt Schröger. Ein verbotenes Zeichen oder ein beleidigender Ruf zu einem dunkelhäutigen Spieler, dann holen die "Löwenfans gegen Rechts" die Ordner. Den Rechtsradikalen droht Stadionverbot - und das wollen sie unbedingt vermeiden.

Der Münchner Zweitligist ist nicht der einzige Fußballverein, der nicht nur gegen Niederlagen ankämpft, sondern auch gegen Intoleranz im Stadion. Bei einem Regionalligaspiel in Hannover skandierten Anfang November Anhänger des VfB Lübeck ausländerfeindliche Parolen. Fans von RB Leipzig II stimmten bei einem Auswärtsspiel vor zwei Wochen homophobe Lieder an. In der anonymen Masse fühlen sich manche Zuschauer geschützt, die Emotion auf der Tribüne ist geballt. Es kommt zu diskriminierenden Rufen oder Gesten. Jeder, der Fußball live im Stadion verfolgt, weiß: In Deutschlands Arenen herrscht Intoleranz - und diese ist nur schwer in den Griff zu bekommen.

An diesem Wochenende feiert in München die Bundesarbeitsgemeinschaft der Fanprojekte (BAG) ihr 25-jähriges Bestehen, unter deren Dach haben sich zahlreiche Initiativen zusammengeschlossen. Die BAG setzt sich für das Miteinander im Stadion ein, also gegen Vorurteile, Feindbilder und extremistische Orientierungen. Auch die "Löwenfans gegen Rechts" werden gratulieren. Sie tauschen sich intensiv mit dem Fanprojekt München aus und organisieren etwa gemeinsam Diskussionsabende zum Thema Diskriminierung im Fußball. Gelegentlich holen sie dafür auch Vertreter des Rivalen FC Bayern hinzu.

Mag bestimmte Sachen im Stadion nicht haben: Herbert Schröger von den "Löwenfans gegen Rechts"

(Foto: Lisa Sonnabend)

Auch beim deutschen Rekordmeister setzen die Fans Zeichen gegen Intoleranz. So weht bei jedem Bayern-Heimspiel eine Fahne in der Südkurve, die zwischen den rot-weißen sogar von der Gegentribüne aus ins Auge sticht. Es ist eine Regenbogenflagge. Gehalten wird sie von Mitgliedern des schwul-lesbischen Fanklubs Queerpass Bayern. Homophobie ist im Fußball noch verbreitet. Noch immer hat kein aktiver Fußballprofi gewagt, sich zu outen. Noch immer dringen aus dem Publikum Rufe wie: "Was für ein schwuler Pass!" Noch immer beschimpfen Fans Gegner mit: "Du Schwuchtel!" In der Bundesliga wie in der Kreisklasse.