Homosexualität im Profifußball Befreiung vom Tabu

Thomas Hitzlsperger im Trikot des VfB Stuttgart (Archivbild von 2009): Sein Coming-out wird als mutiger Schritt angesehen.

Es ist ein bemerkenswerter Schritt: Thomas Hitzlsperger geht wenige Monate nach seinem Karriereende mit seiner Homosexualität an die Öffentlichkeit. Doch das Klima für schwule Spieler wird sich nur ändern, wenn der Fußball selbst aufhört, Homosexualität an den Rand zu drängen.

Ein Kommentar von Kathrin Steinbichler

Sechs Jahre sind eine lange Zeit. Es sind Wochen und Monate voller Gedanken, Zweifel und im schlimmsten Fall auch Ängste. Sechs Jahre lang hat Thomas Hitzlsperger sich Gedanken gemacht. Wie er es sagt, dass er zwar liebt und geliebt wird, dass er Gefühle hat und eine Sexualität. Alles also, was man einem Menschen nur wünschen kann. Nur eben offen darüber sprechen konnte er nicht.

Thomas Hitzlsperger hat für Deutschland 52 Fußball-Länderspiele bestritten. Der gebürtige Münchner hat ganze Stadien begeistert und komplette Fankurven zu Sprechgesängen motiviert. Bis September vergangenen Jahres war der 31-Jährige Fußballprofi. Und er ist schwul.

Dass Hitzlsperger jetzt, knapp vier Monate nach seinem Karriereende, mit seiner Homosexualität an die Öffentlichkeit gegangen ist, erzählt weniger über ihn als Mensch als eben über diese Öffentlichkeit. Denn die geht nicht so souverän und selbstverständlich mit der Sexualität von Fußballprofis um, wie das bei anderen prominenten Persönlichkeiten der Fall ist. Homosexualität ist im Männerfußball noch immer ein Tabu.

Leitfigur einer überfälligen Debatte

Als erster prominenter deutscher Fußballer hat Thomas Hitzlsperger seine Homosexualität öffentlich gemacht. In einem "Zeit"-Interview wählt der 31-Jährige deutliche und offene Worte. Der ehemalige Nationalspieler könnte damit den Fußball verändern. Von Lisa Sonnabend mehr ...

Deutschland und seine Sportverbände geben sich gerne liberal und tolerant, sie äußern sich zu gesellschaftlichen Themen und diskutieren die menschenunwürdige Diskriminierung im Olympia-Gastgeberland Russland. Wenn es um den Fußball geht, hört die Offenheit jedoch auf.

Mehr als 5500 Fußballprofis haben in 50 Jahren Bundesliga in Deutschlands höchster Liga gespielt, kein einziger von ihnen war schwul - zumindest hat sich bislang noch keiner getraut, das öffentlich zu machen.

Es gehört zum Spitzensport, dass seine Protagonisten keine Angriffsfläche bieten dürfen, denn jede noch so kleine Schwäche wird von Gegnern und Fans ausgenutzt, um im Wettkampf einen eigenen Vorteil daraus zu ziehen. Das ist nicht ungewöhnlich, sondern gehört zum mentalen Schlagabtausch dazu.