Süddeutsche Zeitung

Homosexualität im Profifußball:Befreiung vom Tabu

Es ist ein bemerkenswerter Schritt: Thomas Hitzlsperger geht wenige Monate nach seinem Karriereende mit seiner Homosexualität an die Öffentlichkeit. Doch das Klima für schwule Spieler wird sich nur ändern, wenn der Fußball selbst aufhört, Homosexualität an den Rand zu drängen.

Ein Kommentar von Kathrin Steinbichler

Sechs Jahre sind eine lange Zeit. Es sind Wochen und Monate voller Gedanken, Zweifel und im schlimmsten Fall auch Ängste. Sechs Jahre lang hat Thomas Hitzlsperger sich Gedanken gemacht. Wie er es sagt, dass er zwar liebt und geliebt wird, dass er Gefühle hat und eine Sexualität. Alles also, was man einem Menschen nur wünschen kann. Nur eben offen darüber sprechen konnte er nicht.

Thomas Hitzlsperger hat für Deutschland 52 Fußball-Länderspiele bestritten. Der gebürtige Münchner hat ganze Stadien begeistert und komplette Fankurven zu Sprechgesängen motiviert. Bis September vergangenen Jahres war der 31-Jährige Fußballprofi. Und er ist schwul.

Dass Hitzlsperger jetzt, knapp vier Monate nach seinem Karriereende, mit seiner Homosexualität an die Öffentlichkeit gegangen ist, erzählt weniger über ihn als Mensch als eben über diese Öffentlichkeit. Denn die geht nicht so souverän und selbstverständlich mit der Sexualität von Fußballprofis um, wie das bei anderen prominenten Persönlichkeiten der Fall ist. Homosexualität ist im Männerfußball noch immer ein Tabu.

Deutschland und seine Sportverbände geben sich gerne liberal und tolerant, sie äußern sich zu gesellschaftlichen Themen und diskutieren die menschenunwürdige Diskriminierung im Olympia-Gastgeberland Russland. Wenn es um den Fußball geht, hört die Offenheit jedoch auf.

Mehr als 5500 Fußballprofis haben in 50 Jahren Bundesliga in Deutschlands höchster Liga gespielt, kein einziger von ihnen war schwul - zumindest hat sich bislang noch keiner getraut, das öffentlich zu machen.

Es gehört zum Spitzensport, dass seine Protagonisten keine Angriffsfläche bieten dürfen, denn jede noch so kleine Schwäche wird von Gegnern und Fans ausgenutzt, um im Wettkampf einen eigenen Vorteil daraus zu ziehen. Das ist nicht ungewöhnlich, sondern gehört zum mentalen Schlagabtausch dazu.

Das Ausnutzen von Schwächen ist auch nicht das, was Fragen aufwirft. Das Ungewöhnliche ist, dass im Fußball - und vor allem dort - Homosexualität noch immer als Schwäche angesehen wird. Dabei zeugt es doch eher von Stärke, wenn ein Mensch dazu steht, wie er ist.

Dass der Fußball sich noch immer an seiner vermeintlich notwendigen Männlichkeit abarbeitet, hat verschiedene Gründe. Erst seit rund 100 Jahren dürfen Frauen in den westlichen Demokratien überhaupt Sport betreiben, denn Sport - so hieß es immer - sei zutiefst, genau, männlich. Kampfgeist, Ehrgeiz, Konkurrenzdenken, Aggressivität - diese Eigenschaften wurden lange ausschließlich Männern zugesprochen. Schließlich waren die gewohnt, diese Eigenschaften auch ausleben zu können.

Im Umkehrschluss waren diese vermeintlich ausschließlich männlichen Eigenschaften unverzichtbar, um ein guter Sportler zu sein. Schwule dagegen, so das Klischee, sind angeblich verweichlicht und schwach. Wer Fußballer ist, kann also nicht schwul sein? Oder können Schwule keine Fußballer sein?

Bislang hat es kein Fußballer, weder aus der Bundesliga noch aus der Nationalmannschaft, gewagt, das lebende Gegenbeispiel zu geben. Für einen Profi steht viel Geld auf dem Spiel: Sponsorenverträge wie auch Spielerverträge enthalten oft Klauseln, in denen Prämien und Gelder nur fällig werden, wenn der Profi spielt oder auftritt. Doch würde ein schwuler Fußballprofi in Deutschland noch spielen? Würden ihn die Fans unterstützen, dulden oder niedermachen?

Das öffentliche Klima für schwule Fußballer wird sich nur ändern, wenn der Fußball selbst aufhört, Homosexualität weiter an den Rand zu drängen. Dass Thomas Hitzlsperger angefangen hat, das Tabu zu brechen, ist ein bemerkenswerter Schritt, der in Zukunft nichts Besonderes mehr sein sollte.

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Quelle:
SZ vom 09.01.2014/sonn
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