Hamit Altintop im Gespräch "Es geht um die Fahne auf der Brust"

Der türkische Nationalspieler Hamit Altintop kritisiert die Entscheidung von Mesut Özil, für Deutschland zu spielen und erklärt, warum dies für ihn nichts mit Integration zu tun hat.

Interview: Christof Kneer

SZ: Herr Altintop, ist das nicht unfair, dass die Türkei in der EM-Qualifikation ein Heimspiel mehr hat als alle anderen?

Hamit Altintop: Ich hab mich auch erst gewundert, als bekannt wurde, dass der DFB das Spiel nach Berlin vergeben hat, wo so viele Türken leben. Aber eigentlich ist das ja eine tolle Idee: In der Stadt wird die ganze Woche eine Menge los sein. Und ich hoffe, dass die Fans auch das Spiel zum Fest machen.

SZ: Erwarten Sie ein Heimspiel?

Altintop: Ich denke, dass es so ähnlich sein wird wie im EM-Halbfinale in Basel. Das Verhältnis wird auch diesmal etwa fifty-fifty sein. Aber von der Lautstärke her dürften unsere Fans etwas leidenschaftlicher sein.

SZ: Die türkischen Anhänger erwarten ja traditionell große Erfolge von ihrer Nationalelf, die aber als etwas wankelmütig gilt. Der neue Trainer Guus Hiddink hat sich mehr Konstanz zum Ziel gesetzt. Trauen Sie ihm das zu?

Altintop: Herr Hiddink ist ein erfahrener Stratege und Fachmann, er weiß, dass türkische Fußballer eine hohe Qualität haben und dass eben manchmal Disziplin und klare Linie gefehlt haben. Er hat sich vorgenommen, das zu ändern. Und wir haben uns geschworen, dass das unter dem neuen Trainer besser wird.

SZ: Kann die Türkei mit dem neuen Trainer die Qualifikations-Gruppe vor Deutschland gewinnen?

Altintop: Wir sind gut, aber die Wahrheit lautet auch: In der türkischen Liga hat man im Jahr vielleicht zehn Spiele auf höchstem Niveau, in Deutschland gibt es solche Spiele jede Woche. Für junge Spieler wie Thomas Müller oder Holger Badstuber wird es in ein, zwei Jahren normaler Alltag sein, eine EM-Qualifikation oder ein Turnier zu spielen. Für die türkischen Müllers und Badstubers ist es das nicht. Wir haben diese Talente auch, aber man muss sie fordern und fördern, und der Aufbau solcher Nachwuchsstrukturen dauert 20 Jahre.

SZ: Wie viele von diesen 20 Jahren hat die Türkei schon hinter sich?

Altintop: Ich würde sagen: die Hälfte. Das ist nicht schlecht, aber ich finde es wichtig, dass man realistisch ist und unseren Fans auch ehrlich sagt, dass bei so einer Entwicklung kleine Rückschläge dazugehören. Deshalb: Wir dürfen uns ruhig das Ziel setzen, die Gruppe zu gewinnen, und ich bin auch optimistisch, dass wir das schaffen können. Aber wir sollten es nicht erwarten.

SZ: Wie sehr fehlt der türkischen Elf Mesut Özil?

Altintop: Ich fand es sehr interessant, die türkischen Reaktionen während der WM zu verfolgen. Einerseits haben die Türken sich geärgert und auch geschimpft, weil Mesut sich für Deutschland entschieden hat. Auf der anderen Seite waren die Leute auch ein bisschen stolz, wenn positiv über Mesut berichtet wurde. Nach dem Motto: Einer von uns ist jetzt bei Real Madrid!

SZ: Am Freitag werden beim Länderspiel zwischen Deutschland und der Türkei einige Spieler aufeinandertreffen, die auch fürs jeweils andere Land hätten spielen können. Haben Sie denn erwartet, dass sich Özil für den DFB entscheidet? Oder haben Sie gehofft, dass er wie der Dortmunder Nuri Sahin für die Türkei antreten will?

Altintop: Ich weiß, wie es in Mesut ausgesehen hat, ich habe einen guten Draht zu ihm und vor seiner Entscheidung habe ich auch oft mit ihm gesprochen. Ich kenne ja auch andere Fälle und weiß, dass es heutzutage einfach um die Perspektive geht, um die Frage: Bei welchem Verband kann ich mehr erreichen, wo kann ich mich besser entwickeln? Fußball ist manchmal eine Herzensangelegenheit, aber viel öfter einfach ein Business.

SZ: Mit anderen Worten: Özil hat sich vor allem für die Karriere entschieden.

Altintop: Als deutscher Nationalspieler hat Mesut mehr Lobby, einen höheren Marktwert, er verdient mehr Geld. Hätte er sich für die Türkei entschieden, hätte er keine WM gespielt und wäre jetzt nicht bei Real Madrid. So einfach ist das.

SZ: Das heißt: Die Entscheidung für ein Land folgt inzwischen einer ähnlich kühlen Logik wie ein Vereinswechsel.

Altintop: Ich respektiere solche Entscheidungen, aber wenn Sie mich fragen, ob ich Freund davon bin, dann sage ich: nein. Entschuldigung, aber ich finde, das hat auch nichts mit Integration zu tun.

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