Folgen der Bayern-Niederlage Abschied von einer großen Illusion

Das Scheitern im Champions-League-Endspiel wird dem FC Bayern München noch lange nachhängen. Drei zweite Plätze entsprechen nicht dem Anspruch des Klubs. In der Nacht der Niederlage äußert Präsident Uli Hoeneß sein Misstrauen an der aktuellen Spielergeneration. Und drückt seine Sehnsucht nach grimmigen Wadlbeißern aus.

Von Andreas Burkert

Kleinste Schweißperlen bilden sich auf seiner Stirn. Manchmal wischt er sie beiläufig fort mit dem Zeigefinger, es bilden sich aber einfach neue. Die Luft ist schlecht im geschmückten Postpalast an der Hackerbrücke, doch daran liegt es nicht, dass Uli Hoeneß, 60, mit glasigem Blick vor einem steht, um Contenance ringend, aber doch unverkennbar benommen und aufs Tiefste getroffen von den Ereignissen des Abends. "Ein Drama ist das", sagt er zwischendurch und schüttelt den Kopf, "nicht zu fassen."

FC Bayern verliert Champions League Finale "Das versteht kein Mensch"

Der große Traum vom historischen Gewinn der Champions League im eigenen Stadion hat sich für den FC Bayern nicht erfüllt. Präsident Uli Hoeneß, Kapitän Philipp Lahm, Torhüter Manuel Neuer und Trainer Jupp Heynckes versuchen die Enttäuschung in Worte zu fassen.

(Video: Video: SID / Bild: Getty Images, Foto: UEFA via Getty Images)

Nein, zu fassen werden sie diese denkwürdige Nacht wohl nie mehr bekommen. Nicht mehr in diesem Leben.

Es ist keine Feier, zu der sich der FC Bayern sehr spät zusammengefunden hat. Sondern ein Pflichttermin, ein meditatives Beisammensein bestenfalls, um gemeinsam zu trauern und Abschied zu nehmen von "einer großen Illusion", wie Trainer Jupp Heynckes nach dem Abpfiff den Gewinn der Champions League im eigenen Stadion nannte. Auf dem kleinen Podesttisch, vor dem Hoeneß nun steht, hätte der Pokal thronen sollen; jetzt lehnt dort die Präsidentengattin, manchmal dreht sie sich sorgenvoll um zu ihm. Haltung bewahrt ihr Uli. Aber es geht ihm unendlich schlecht.

Er muss sogar etwas einräumen, das ihm wie eine zusätzliche Demütigung vorkommen muss: Dreimal Zweiter wie 2002 Bayer 04, spricht er, "wir haben ja immer über Leverkusen gelächelt - jetzt sind wir in einer ähnlichen Situation".

Vor dieser Erkenntnis haben sich die Münchner gefürchtet, vor den Minuten, in denen nicht sie als Letzte die Haupttribüne ihrer Arena erklimmen, um sich krönen zu lassen zu Königen von Europa. Sondern die Abordnung aus Chelsea. Es hatte etwas Bizarres, als die Bayern, behängt mit Trostpreisen am Dekorband, wieder unten auf dem Rasen ankamen und das Ritual des Siegers verfolgten. Sie waren dort Katastrophentouristen im eigenen Wohnzimmer. Uli Hoeneß sagt: "Da konnte ich nur kurz hinsehen."

Ein episches Drama hat den FC Bayern am Samstag um 23.29 Uhr erschüttert. Es endete, als Didier Drogba Chelseas zynischen Triumph über die Kraft- und Qualitätsverhältnisse dieses Endspiels besiegelte. Die Münchner hatten ihre Sehnsüchte nach dem historischen Titel sowie die tonnenschweren Erwartungen auf bewundernswerte Weise in eine große Finalleistung transferiert. Sie kontrollierten die aufgeladene Partie, sie schossen 35 Mal aufs Tor, das hat es in einem Finale noch nie gegeben. Sie erzwangen 20 Ecken, Chelsea nur eine einzige. Doch sie war es, die den Bayern erstmals das Herz beschädigte, denn dem Eckball entsprang Drogbas Kopfball zum 1:1, zwei Minuten vor Ablauf der 90 Minuten.